Chun Jie (Tschun Ji:e) – das chinesische Frühlingsfest (endlich mit Fotos)

Auch wenn es in diesem Winter noch nicht so eisige Temperaturen gab, wie wir sie schon erlebt haben, sind wir dennoch weit entfernt vom Frühling. Trotzdem läutet das chinesische Neujahr den Frühling ein. Der chinesische Kalender ist da sehr traditionell!

Die Reisewelle der Chinesen hat schon begonnen – meine Chinesischlehrerin ist bereits zu ihren Eltern gereist, die im Norden, in der Nähe von Harbin an der russischen Grenze wohnen. 4 Wochen muss ich nun auf meinen Unterricht verzichten, natürlich nicht ohne eine Hausaufgabe erhalten zu haben: Ich muss meine 300 Zeichen lernen und meine erste chinesische Lektüre lesen (Typ: Easy Reader oder auch Anfängerlektüre) – nur mit chinesischen Zeichen. Für ein Mini-Kapitel (1,5 Seiten im DIN-A6 Format) brauche ein 1,5h…. und habe am Ende doch noch nicht alles verstanden; ein müdes Lächeln liegt mir dann auf den Lippen, und ich kann mich nicht zwischen Gefühlen wie Frust und Stolz entscheiden. Trotzdem ist mein Ehrgeiz ein wenig angestachelt; irgendwann will ich diese Lernstufe HSK 3 schaffen. Das ist ein Sprachenzertifikat, das dann sicher meinen inneren Schweinehund befriedigt. Dazu muss ich etwa 800 Zeichen erkennen (nicht schreiben) können. Wie oft habe ich schon ein wohliges Seufzen ausgestoßen, in hohem Lob auf die lateinische Schrift mit ihren 26 Buchstaben!!!! – So, das war mein kleiner Exkurs in meine Welt des Chinesischlernens….

In unserer Schule, die etwa 530 Schüler und ca. 75 KollegInnen zählt, gibt es auch eine fast unüberschaubar, große Gruppe an chinesischem Personal: Die Busfahrer und „Bustanten“ (das sind Frauen, die die Fahrt begleiten, um auch die kleinsten richtig zu Hause abzuliefern), die Mensamitarbeiter, die GSN-Mitarbeiter (die die Reinigung- und Instandhaltungsarbeiten an der Schule übernehmen) und natürlich auch unsere Verwaltungsmitarbeiter, die z.T. chinesisch sind, aber auch hervorragend Deutsch sprechen können.

Und zum wichtigsten Fest des Jahres ist es üblich, dass alle gemeinsam feiern, die Schulleitung ein Lob ausspricht und auch jeder Bedienstete mit einem roten, mit Geld gefüllten Umschlag gewürdigt wird. Es wird ein Saal im Hotel angemietet (allein das Essen im Hotel ist für viele ein Fest für sich), man sitzt an runden Tischen zu etwa 10, isst und trinkt gemeinsam. So ist es unserer gemeinsamen Weihnachtsfeier noch sehr ähnlich.

wenig einladender, riesiger Saal; alle kommen nach vorn zum Fotografieren,wenn der Spaß beginnt!

wenig einladender, riesiger Saal; alle kommen nach vorn zum Fotografieren,wenn der Spaß beginnt!

Der große Unterschied besteht darin, dass dieses Fest und dessen Programmgestaltung allen am Herzen liegt. Jede Gruppe der Bediensteten leistet einen oder mehrere Beiträge oder besser Showeinlagen, die monatelang (ist wirklich wahr!) einstudiert werden. Stephan und ich erlebten es oft, dass wir spät aus der Schule heimfuhren und in der Garage der Schule einen tanzende Damengruppe antrafen, die sich eben zum Zweck des sportlichen Ausgleichs einfand, sondern eben die Showeinlage für das Fest probte. Es wurden Kostüme eigens für den Auftritt geschneidert und häufig eben nicht nur eine Vorführung eingeübt, sondern mehrere.

Hier eine Gesangs- und Tanzeinlage mit Choreographie von zarten Schirmchen!

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Neben diesen Programmpunkten, richtet die Schule zum Anlass des Festes eine Verlosung aus, und es werden Spiele zur Belustigung aller vorgeführt, deren Besetzung dann nach Aufforderung erfolgt. So muss die Schulleitung traditionell Bier aus dem Strohhalm um die Wette trinken, es gibt Luftballontanzen, eine Reise-nach-Jerusalem ö.ä.

Stephan und ich haben es genossen eingeladen gewesen zu sein. So haben wir ein ganz typisches, chinesisches Ritual erlebt, welches an Ausgelassenheit kaum zu überbieten ist: Es wird gelacht, sich übereinander lustig gemacht, die Spiele werden mit einer Mischung aus ernsthaftem Sportsgeist und kindlichem Spieltrieb gespielt. Unsere Weihnachtsfeiern sind dagegen dröge, spießig und gähnend langweilig. Hier wurden  Fächertanz, Gesang und ein indischer Bauchtanz unter Federführung des chinesischen Hausmeisters mit Liebe zum Detail vorbereitet – gleichzeitig haben sich die Männer selbst so durch den Kakao gezogen, dass uns Zuschauern vor Lachen die Luft wegblieb.

Fächertaz fast in in Vollendung

Fächertanz fast in in Vollendung

Herr Pan, unser Hausmeister

Herr Pan, unser Hausmeister

die Hauswirtschaftsmänner im indischen Kostüm

die Hauswirtschaftsmänner im indischen Kostüm

Wir waren überrascht von diesem kindlichen Zauber und überschäumender Ausgelassenheit, sogar von Regimekritik, die sich in einem Sketch zur Einkindpolitik äußerte und der Lust am Darstellen.

sogar ein sozialkritisches Theaterstückchen - damit hatten wir kaum gerechnet

sogar ein sozialkritisches Theaterstückchen – damit hatten wir kaum gerechnet

Nach etwa 3 Stunden war die Feier beendet – nämlich dann, als alle ihren Obulus im roten Geschenkbriefchen persönlich vom Verwaltungsleiter erhalten hatten, nicht ohne ihm auch zuzuprosten. Denn auch das chinesische Neujahr wird natürlich begossen. Man stieß an jedem Tisch zum neuen Jahr miteinander an oder wurde zu weiterem Trinken an andere Tische eingeladen. Der Verwaltungsleiter, als Chef von dem Ganzen, musste von Tisch zu Tisch und innerhalb einer ½ Stunde  hatte er 2 Flaschen Wein geleert, welches auch das erklärte Ziel des Abends war: Der Chef sollte betrunken sein! Allerdings wurde auch im Vorfeld dafür gesorgt, dass es ihm im Falle von Unwohlsein an nichts fehlen sollte. Der Chef vom Busteam hätte ihn dann nach Hause begleitet – sehr fürsorglich!

unser Verwaltungsleiter beim Zuprosten

unser Verwaltungsleiter beim Zuprosten

Wir haben den Abend sehr genossen und sind froh als Verwaltungsleute an der Schule (Stephan ist Stundenplaner) diesen Einblick in chinesische Feierlichkeiten bekommen zu haben. Johannes (Verwaltungsleiter) hat uns bereits für das nächste Jahr eingebucht; vielleicht müssen wir dann auch singen, tanzen oder eine andere Belustigung auf uns nehmen – schließlich will man den Bediensteten in Nichts nachstehen, oder?

Unsere Neujahrsferien sind dieses Jahr kurz, über nur ein Wochenende, aber wir nutzen die Tage, um einen Kulturtrip nach Angkor Wat/Kambodscha zu machen. Hoffentlich wird es nicht ganz so überlaufen sein, wie wir gelesen haben. Kambodscha ist wohl längst kein Geheimtip mehr. Die wunderschönen und wohl noch sehr natürlich belassene Küste lassen wir aus Zeitgründen aus, hoffen aber, dass wir bei Gefallen ein neues Reiseziel in Petto haben.

Ostern ist allerdings schon mit einer weiteren Hawaii-Reise verplant. Es soll nach Maui gehen, wo wir Radfahren, aber auch Neues entdecken wollen.

Seid alle gegrüßt von uns….unser drittes Jahr in Beijing neigt sich bald dem Ende zu, aber werden noch ein bisschen bleiben, und somit wird auch noch der ein oder andere Blog hier auf Euch warten!

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