We like to move (it)

Nun ja, Ihr wisst alle, dass wir uns gern bewegen, aber bei der Anzahl unserer Umzüge, könnte man meinen, dass wir auch das gern tun – die Begeisterung hielt sich in Grenzen, als es an die Planung des Umzugs ging. Wir waren das letzte Mal als Mieter „mitverkauft“ worden, aber es war klar, dass wir nach 2 Jahren wieder ausziehen mussten. Und die Zeit fliegt! Wir haben bereits 2017, und wir sind seit 6 Jahren in Beijing. Nach 4 Jahren im Soho Gebäude 11 folgten 2 Jahre in Gebäude 16. Wahnsinn, wie schnell das vorbei ging, oder? Große Lust hatten wir dazu natürlich nicht, aber lest selbst…. wir hatten wieder Glück!

Stephan schlug vor nicht zu lange zu warten, sondern noch vor den Sommerferien umzuziehen, damit wir nicht früher aus dem Urlaub kommen und/oder gleich mit Umzugsstress beginnen müssten. Denn obwohl wir hier schnell Helferlein organisieren können, muss doch alles gepackt, im Idealfall einiges aussortiert werden. Das alles bereitet doch immer ein bisschen Arbeit. Das ist es zwar auch, wenn es so nebenbei, während des Schulbetriebs, geschehen muss, doch Stephan wählte die Projektwoche aus, in welcher die Nachmittage frei sein und wir Luft für das Um- und Einräumen haben würden. Eine gute Idee!

Zuvor lag jedoch die Qual der Wahl der richtigen Wohnung vor uns:

Am liebsten wären wir in unserem „Kiez“, im Sanlitun Soho, geblieben. Dort kennen wir uns aus, haben Lieblingsrestaurants und auch einige nette Ansprechpartner bei Problemchen des Alltags und auch einen Lieblingsobst/gemüseverkäufer. Wir haben in den letzten Jahren miterlebt, wie sich ein neu genauer Stadtteil belebt, wie die Chinesen sich nach und nach die Geschäfte und freien Plätze erobern. Aber, deshalb ist es auch trübseliger und im Innenbereich deutlich lauter geworden. Unsere Wohnung blickte nach Westen; wir thronten im 27. Stock über allen Geschehnissen in einer sehr ruhigen Ecke des Compounds. Und bei den Fußballspielen von Beijing Guoan konnten wir sogar die Anzeigetafel sehen. Ein Hippies Viertel, kurze Wege zum Einkaufen, Essen gehen und ein, zweimal im Jahr auch kurze Wege in die Clubs der Stadt. Wir wollten gern dort bleiben. 

Unser „hipper“compound (Hintergrund)im Stadtmagazin

Westberge im Abendlicht aus dem 27. Stock

 

 

 

 

 

 

 

Aber nach etwa 15 neuen Wohnungen, die unterschiedlicher in Größe und Lage/Ausrichtung zur Sonne nicht hätten sein können, waren wir nicht wenig frustriert – vor allem von den Preisen. Die gehen nämlich weiterhin durch die Decke. Die exakt identische Wohnung, die wir gerade noch bewohnten, nur 19 Stockwerke tiefer, sollte etwa 600 Euro mehr kosten. Achter Stock, ohne Blick auf die geliebten Westberge, und dann noch deutlich teurer. Da waren wir echt bedient.

Eine andere Wohnung, etwa so groß, wie unsere, schön geschnitten sollte auch mehr kosten, obwohl alle Fenster auf die Wand des angrenzenden Kaufhauses blickten. Kein Himmel zu sehen ohne Kopfverrenkung – wer zieht denn dort ein???? Wir nicht, stellten wir schnell klar!

Eine Party bei einem Kollegen brachte Stephan auf den Gedanken, doch noch mal in dessen Wohnblock, welcher 2,5 km entfernt, aber ganz nah am Chaoyang Park gelegen ist, zu schauen. Und tatschlich wurden wir fündig; wir zahlen zwar auch jetzt etwas mehr, haben aber auch eine größere Wohnung und außerdem 2 Balkone – über die besonders ich mich freue. Leider wohnen wir nur noch im 5. und nicht mehr im 27 Stock, und die Gegend ist beschaulicher, nicht so „hip“. Aber der Wohlfühlfaktor ist hoch! Und das ist uns besonders wichtig, denn nach vielen Stunden in der Schule muss das Zuhause ein Wohlfühlort sein, ein Refugium, muss jedem von uns und gleichzeitig uns beiden Raum zur persönlichen Entfaltung geben, aber auch Schutz, und kuschelig muss ein sein. Ein neues Bett im Schlafzimmer und ein neues Sofa im Wohnzimmer tragen sehr dazu bei. Von Kollegen haben wir noch ein Gästebett und Möbel für die Balkone erhalten/gekauft. Jetzt fehlen noch ein paar Kleinigkeiten – ein Besuch bei Ikea ist schon geplant 🙂

Unser neues Domizil: Victoria Gardens

 

Balkon zum Innenhof

Wir hatten Kisten gepackt und unsere Fee hatte Helfer organisiert, die zum Schleppen kamen. Doch Wichtiges wollten wir dann doch selbst in die Hand nehmen, und so fuhren wir das eine oder andere Mal selbst zur neuen Wohnung.

Stephan mit der praktischen Ikea-Tasche und Laufrad auf dem Buckel!

Kuschelgiraffe „Melman“ muss auch mit 🙂

Und ich glaube, dass uns der kleine Ortswechsel gut tut. Nach 6 Jahren schleicht sich doch neben dem Wohlfühlaspekt auch das Gewohnheitstier ein. Nun müssen wir uns wieder aufmachen, Neues entdecken, und das tut dem Geist gut und macht auch wieder Spaß. Auf Probleme, wie die bei der neuen, zuständigen Polizeistation, verzichten wir gern, aber schlussendlich funktioniert auch hier die Registrierung. Die chinesische Regierung will ja wissen, wer wir sind und wo wir wohnen.

Auf jeden Fall freuen wir uns – nun gegenn Ende unserer Sommerferien – wieder auf Beijing und unsere neue Wohnung. Und der erste Besuch dort hat sich auch schon angemeldet.

Wir freuen uns schon auf Euch!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und noch ein kleiner Einblick in das chinesische Abfallentsorgungssystem:

Wir durften nach Absprache mit dem Vermieter (welcher übrigens ein Taiwan Chinesen ist und als Jurist in Los Angeles arbeitet) ein neues Sofa kaufen. Es wurde ein Ikea-Sofa, das angeliefert und aufgebaut wurde. Dabei fiel auch jede Menge Müll an, wie Pappkartons und Kunststofftüten. Wir hätte alles kleingeschnitten und zum entsprechenden Müllcontainer gebracht, oder? Der Ikeamitarbeiter entsorgte auch selbst, warf jedoch einfach alles in unser Treppenhaus….

War jedoch kein Problem, am nächsten Tag war der Fluchtweg wieder frei, denn fleißige Helferlein vom Management hatten wohl aufgeräumt. Um Euch alle zu beruhigen: Der Müll wird tatsächlich recht penibel getrennt; nur muss es nicht der Verbraucher selbst trennen, sondern die Müllsammler holen sich „ihren“Müll aus dem Abfall heraus und transportieren dann auf kleinen Wägelchen den Müll zum Zwischenhändler, der pro Kilo abrechnet. So wie hier im Bild: Ein Styroposammler mit Übergewicht !

Styroporwagen mit deutlichem Übergepäck 🙂

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Und jetzt feiern wir das Jahr des Feuerhahns

Wir haben wieder Ferien, denn in China wird das chinesische Neujahrsfest gefeiert. Es ist der wichtigste Feiertag des Jahres, der in der Regel in der Familie verbracht wird. Es wird viel und abwechslungsreich gegessen, und der Abend wir damit einem Feuerwerk gekrönt – ich habe ja bereits davon berichtet.

Stephan und mir erscheinen allerdings die Ausmaße des Festes dieses Jahr stärker zu beeindrucken als zuvor; wahrscheinlich liegt es daran, dass wir bis zum Feiertag – und auch am Feiertag selbst – noch gearbeitet haben. Die Schule hat dieses Jahr einen großen Faux Pas begangen und dieses chinesische Fest nicht korrekt im Ferienplan berücksichtigt. Unsere Zeugnistag fiel somit auf diesen Feiertag, obwohl sonst wirklich niemand gearbeitet hat. Stellt Euch vor, Ihr müsstet an Heilig Abend zur Arbeit gehen……

Obwohl uns Deutschen dieses Fest nichts bedeutet, war es doch für viele der chinesischen Angestellten der Schule sicherlich ein Drama an diesem Tag zu arbeiten. Allerdings wurden wirklich jeder, auf den verzichtet werden konnte, doch noch beurlaubt – denn ein Heimweg zur Familie kann lange dauern. Nicht jeder kann sich ein Flugticket leisten, sondern muss mit dem Zug oder Bus lange Fahrzeiten bis in die hintersten Provinzen in Kauf nehmen.

Jedenfalls haben wir in den vergangenen 3 Wochen – eigentlich seit unserer Rückkehr in den Schulbetrieb im Januar 2017 – miterleben können, wie sich die Stadt von Tag zu Tag leerte. Langsam verschwanden die Obstverkäufer mit ihren Wägelchen, dann alle Snackverkäufer und letztendlich auch die TukTuk-Fahrer aus dem Straßenbild. Am Morgen des 27.1. war fast kein Verkehr auf der Straße. Ich traf einen Straßenkehrer, wo sonst ganz Putzkolonnen unterwegs sind. Zuletzt habe ich die Stadt am Feiertag zum 70jährigen Kriegsende gegen Japan vor zwei Jahren so gesehen. Diese leeren Straßen sind herrlich, es ist leise, die Vögel zwitschern – ich fühlte mich, als würde die Stadt nur mir gehören.

Ein Highlight in diesem Zusammenhang war auch wieder das diesjährige Fest für die chinesischen Angestellten der Schule. Der angemietete Hotelsaal war festlich, und das Programm, dass alle Angestelltengruppen auf die Beine gestellt haben umfangreich. Und passend zum neuen Jahr des Hahns (oder auch des Huhns)  sollte es einen besonderen Auftritt geben…..ratet mal, wer diese Hauptrolle übernommen hat??????

Nachdem der Rapgesang des Rap-Huhns geendet hatte, musste ich für etliche Fotos posieren; sogar der kugelrunde Kopf wurde mir fast von den Schultern gerissen – die Chinesen waren so neugierig, wer denn wohl drunter steckte. Es war ein lustiger Abend. Ich bin jedes Mal beeindruckt, wie sehr dieses gemeinsame Fest von der Schulleitung und dem Verwaltungsleiter als Hauptgastgeber geschätzt wird. Die Chinesen bereiten es liebevoll und mit viel, viel Elan und Übungsphasen vor, amüsieren sich über ihre eigenen Auftritte, die sowohl gekonnt als auch ein wenig peinlich sein können. Aber vor allem treten sie ihrem Chef, der an diesem Abend auch ein (kleines) Bonusgehalt zahlt, mit viel Respekt gegenüber, dass ich gerührt bin und solch ein Miteinander in unserer Kultur vermisse.

Happy Chinese New Year !

 

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Endlich Tria(thlon) in China

Nachdem die Chinesen – und hier bin ich mal ein bisschen ironisch –, sich an europäischer Mode und Kultur erfreuen, außerdem einen Tourismusboom in Europa erzeugt und französische Weingüter gekauft, sowie die Beton- und Robotikindustrie ein wenig das Fürchten gelehrt haben, wenden Sie sich auch dem Sport zu.

Natürlich läuft die Planung für die olympischen Winterspiele 2022 längst auf Hochtouren: Skigebiete werden seit zwei Jahren ausgebaut und auch an das Schienennetz angeschlossen. Und Schneesportarten sollen Einzug in den Schulsport erhalten, damit noch junge Talente gesichtet werden können.

Und nun (in 2016) hat das erfolgreiche Baukonsortium, WANDA, die Ironman-Marke aufgekauft. Somit hat der reichste Mann Chinas, nämlich der WANDA- Vorstandsvorsitzende entschieden, dass nun auch Ironman-Wettkämpfe in China stattfinden. In 2016 waren es bereits zwei Wettkämpfe der 70.3-Serie (Halb-Ironman-Distanz), weitere sind für 2017 geplant (leider auch schon verschoben, aber dazu später).

Stephan hat sich recht spät, nämlich erst Ende September dazu entschieden, eben an jenem allerersten Wettkampf in Hefei (nahe Shanghai) noch im Oktober teilzunehmen und eine Halbdistanz zu absolvieren, d.h. 1,9 km Schwimmen, gefolgt von 90 km Radstrecke und 21 km Laufen. Seine Form war ganz gut – wir waren 2016 viel mit dem Rad unterwegs, und durch die Laufstrecke müsse er sich sowieso durchbeißen…

Und nachdem ein Bekannter von unserer lieblings-Trainingsinsel, Lanzarote, sich bei uns meldete, war kein Halten mehr: Endlich mal wieder Sport auf hohem Niveau, endlich mal wieder ein richtig wichtiger Wettkampf (mit dem kleinen Fernziel, vielleicht doch nochmal eine Qualifikation für eine 70.3-Weltmeisterschaft oder gar Kona/Hawaii zu erreichen). Die Motivation stieg, nachdem der Bekannte, René, auch noch einen anschließenden Besuch bei uns ankündigte. Wir freuten uns auf ein tolles Sportwochenende, welches aber noch einiger Planung bedurfte: Wie kommen wir hin (1200km mit Radtransport)? Neuer Radkoffer, ja oder nein? Bei wem buchen wir die Übernachtung? Gibt es ein Paket für Teilnehmer zu buchen, inklusive aller Kosten?

Gut, dass wir längst nicht die einzigen Triathlonverrückten in China sind….Unsere Bekannte aus Guangzhou, die jedes Jahr zum Peking-Tria anreist, hatte sich bereist angemeldet und konnte gute Tipps und Ansprechpartner nennen – flugs war unser Paket mit Hotelaufenthalt gebucht. Und die Ansprechpartnerin vor Ort organisierte auch eine Abholung, als klar war, dass wir mit dem Zug anreisen würden……doch was tun mit dem Rad?

In Deutschland kann ja selbst sperriges Gepäck mit der Bahn transportiert werden, nicht so in China – jedenfalls nicht in den Hochgeschwindigkeitszügen. Wir erkundigten uns mehrfach und über verschiedene, auch chinesische Kanäle, doch die Auskünfte waren unbefriedigend: Einmal gab es ein strenges Verbot, mehr als nur einen normalen Koffer pro Reisenden mitzunehmen. Das andere Mal hieß es, es sei davon abhängig, wie kulant der Zuständige bei der Einlasskontrolle sein würde. Das Risiko, das Rad dann aber nicht mitnehmen zu können, schien uns hoch – schließlich wäre Stephans Teilnahme gefährdet. Also schickten wir das Rad per Kurier! Kostete (zu)viel, und dann wurde es auch noch auf dem Dach eines Mini-Wägelchens abtransportiert, sodass Stephan nur froh war, dass es wenigstens oben festgebunden wurde. Aber sein Radkoffer erwartete uns schon im Sportlerhotel, als wir nach nur vierstündiger Bahnreise ankamen. Andere Sportler hatten ihr Rad aber doch im Zug mitgenommen; das haben wir am Bahnhof von Hefei schon gesehen, und ein chinesischer Triathlet aus Peking, der perfekt Englisch sprach, erklärte, dass es gar kein Problem sei. Etwa sechs Räder waren mit unserem Zug mitgenommen worden. Aber es hätte sicherlich chinesische Diskussionen gegeben, und dafür bin ich einfach immer noch nicht gewappnet (und werde es wohl in diesem Leben auch nicht mehr sein, schade, aber einfach nicht zu ändern!).

Die fünf nebeneinander stehenden Hotels der WANDA-Gruppe (WANDA-Novotel, WANDA-Pullmannhotel und andere) waren gerade erst eine Woche zuvor eröffnet worden. Alles war nigelnagelneu. Das große Einkaufszentrum, die WANDA-Mall, die zu dem neu gebauten Stadtviertel gehörte, mit Vergnügungspark und Wohnobjekten, sollte als Zielkulisse für den Wettkampf dienen.

Den nächsten Tag verbrachten wir zusammen mit unserer Bekannten, Katrin, damit, alle Wechselzonen (die 30km auseinander lagen !!!) aufzusuchen, anzuschauen und das entsprechende Material dort abzulegen. Füße hochlegen und für den Wettkampf schonen, war nicht drin. Die beiden mussten (mit mir) etliche Kilometer latschen – obwohl wir einen toll organisierten Shuttleservice zwischen der Radwechsel- und Laufwechselzone nutzen konnten.

 

Toll, dass auch am nächsten Tag alles wohlorganisiert war. Alle 1600 Teilnehmer sind mit genügend Zeitpuffer an den Start transportiert worden; eine chinesisch-englische Startzeremonie wurde dem Start vorgeschaltet, und der „rolling start“, wobei alle 5 Sekunden nur drei bis fünf Starter gleichzeitig von einem Ponton ins Wasser springen konnten, funktionierte bestens. Stephan hatte Platz zum Schwimmen, und landete mit einer super Zeit recht weit vorn. Hier kommt er aus dem Wasser geklettert:

Mega-Wolkenkratzer im Hintergrund – der Start lag mitten in der Stadt! Es herrschte hohe Luftfeuchtigkeit, kein Smog!

 

Der See liegt mitten in der Stadt, und auch der Radkurs führte zunächst auf den Ausfallstraßen entlang, sodass auch die Einheimischen überall an der Strecke stehen konnten. Stephan und René berichteten, dass zahlreiche chinesische Tanz- und Musik- und Taiqigruppen den Weg säumten, sodass es auf der Strecke nicht langweilig wurde. Der aufkommende Gegenwind am Ende der Strecke tat ein Übriges gegen die Monotonie.

Während die Sportler auf dem Rad unterwegs waren, musste ich mit dem Shuttle zurück zur zweiten Wechselzone fahren, um sie dort alle wieder anzufeuern. Neben Stephan, René und Katrin, war auch…. aus Peking dabei.

Leider war mein Shuttlefahrer nicht instruiert, dass er irgendwann die Radstrecke kreuzen musste, somit waren alle Businsassen gezwungen irgendwo an der Strecke auszusteigen und sich die letzten 2km zu Fuß durchzuschlagen. Ohne Karte nicht ganz einfach, aber das Handy hilft ja – nur die Streckenposten mussten noch belatschert werden, dass man die Straßen queren könne, wenn keine Radfahrer in Sicht waren. Die Armen waren sehr darauf bedacht, ihre Anweisungen zu befolgen, die nun einmal hießen n i e m a n d e n durchzulassen. An einer Kreuzung gelang es mir dann doch, und gleich nahm ich noch eine junge Sportlerin aus Mainz unter meine Fittiche, die wirklich dringend in die Wechselzone musste, um als Staffelläuferin an den Start zu gehen. Sie war zusammen mit Greg Alexander (ein weltklasse Ironman-Athlet, der zu Werbezwecken eingeladen war) und einem chinesischen Radfahrer an den Start gegangen und hatte Angst, nicht pünktlich in der Wechselzone zu sein. Also joggten wir beide die letzten 2km – endlich hatte ich auch ein bisschen Bewegung.

Stephan und Katrin habe ich noch gut in der Wechselzone anfeuern können, René sah ich immerhin noch auf der Laufstrecke, und gemeinsam mit einigen chinesischen Streckenposten motovierte ich etliche Läufer, die den Kurs Richtung Ziel im Visier hatten. Ich war mal wieder hin und weg, Feuer und Flamme für diesen Sport, wenngleich ich doch einen Heidenrespekt vor diesen längeren Strecken habe.

Ich werde 2017 erstmals wieder eine olympische Distanz in Angriff nehmen und will mich vor allem läuferisch gut vorbereiten. Mal sehen, ob das gelingt.

Stephan ist wieder richtig angefixt! Nach seinem Zieleinlauf war er zwar kaputt und reif für eine Massage, aber in Gedanken spielte er wohl schon dort mit einem neuen Start bei einem weiteren Wettkampf.

Tolle Erinnerungsfotos! Stephan und ganz viele Mädels: natürlich ich und Katrin aus Guangzhou (nun auch Peking) und Corinna

 

 

 

 

 

 

 

Am Abend gingen wir alle zum „roll call“: Hier treffen sich alle gut platzierten Altersklassenathleten, um eventuell einen „Slot“ für die 70.3-Weltmeisterschaften im Folgejahr zu erhalten oder sogar einen Startplatz für Kona/Hawaii. Pro Altersklasse wird eine gewisse Anzahl an Plätzen vergeben – René hatte seinen heiß ersehnten Platz um nur 1.30min verpasst – sehr schade! Es herrschte eine gespannte, aufgeregte Stimmung…. viele waren angereist, um genau nun ihren Namen zu hören und sich per Kreditkartenbelastung den Startplatz zu sichern. Es war wirklich aufregend, tolle Atmosphäre, die auch von gegenseitigem Respekt für die Leistungen geprägt war.

Das Abschlussessen war leider wenig spektakulär; am Abend zuvor hatte der Veranstalter wohl schon sein Pulver verschossen; da hatte es ein exzellentes, nahrhaftes, gesundes und leckeres Buffet gegeben.

Die Abreise verlief ebenso reibungslos: Das Rad, das wir wieder per Kurier verschickten, wurde schon am folgenden Tag in Peking zu uns nach hause geliefert. Wir genossen die Rückfahrt in der luxuriösen 1. Klasse im Schnellzug, wo ich auch noch meine Klausuren korrigieren konnte.

Stephan und ich hatten wieder Blut geleckt, der Austausch mit den anderen Sportlern war so wohltuend, und der Besuch von René in der folgenden Woche hat uns allen dreien sehr viel Spaß gemacht. Wir haben gefachsimpelt, sind gemeinsam gelaufen, haben Stabi-Übungen gemacht, und wir haben ihn entweder auf Entdeckungstour geschickt oder haben ihm selbst Peking per Fahrrad gezeigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das nächste Tria-Abenteuer in China war in den letzten Monaten auch schon anvisiert, aber ist nun leider verschoben worden. Schade, denn Stephan hatte sich schon gefreut bereits im Mai 2017 den nächsten 70.3 zu absolvieren, aber der Wettkampf wurde auf September verlegt.

Ich hatte mich ebenso gefreut, Stephan durch den Wettkampf in neue chinesische Gefilde zu locken, denn wir hätten durch ein langes Wochenende im Mai auch gleich noch Entdeckertouren in der Provinz Yunnan dranhängen können.

Nun bleibt abzuwarten, was wir uns für Ende Mai vornehmen.

 

Wir wünschen Euch allen ein frohes, neues Jahr 2017! Bleibt vor allem gesund und sportlich, freut Euch an Euern Freundschaften und Familien und entdeckt auch in diesem Jahr etwas Neues, Schönes für Euch selbst.

 

Herzlichst, Eure Susanna und Stephan aus Beijing

 

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Lao Long Tou – Alter Drachenkopf

Ich hatte mir schon Ende letzten Schuljahres vorgenommen, mal wieder mehr in die chinesische Kultur einzutauchen. Es sollte ein Wochenende mit neuen Entdeckungen werden oder Erfahrungen, die ich längst schon gemacht hatte, wieder neu zu erleben. Oftmals bleibe ich in Mustern verhaftet, in einer Routine – die ja auch wichtig ist – aber denn vergesse ich, das Andere wahrzunehmen. So geht es mir inzwischen manchmal in Peking – nach 5 Jahren ist nichts mehr ganz neu; scheinbar habe ich schon alles entdeckt (stimmt natürlich nicht im Entferntesten), aber ich mache mich auch nicht mehr so oft auf, etwas Neues zu erobern….dabei hat der Stadtplan noch viele weiße Flecken.

Ich hatte mir bereits ein Ziel ausgesucht, um ein chinesisches Wochenende zu erleben. Südwestlich von Peking gibt es das kleine Städtchen, Pingyao, das eine wunderschöne chinesische Altstadt beherbergen soll. Almut und ich wollten gemeinsam fahren, hatten uns schon im August für ein Wochenende im September entschieden und wollten voller Tatendrang einen Nachtzug für einen Freitag einen buchen, der uns zur Frühstückszeit in Pingyao absetzen würde. Aber dann kam der Fahrplanwechsel (wird ja auch in Deutschland jedes Jahr erwartete und führt zu Änderungen – so auch hier!), und wir konnten keine für uns passende Verbindung mehr finden – auch die Reisebüros konnten uns da nicht weiterhelfen. Spontan schlug ich vor stattdessen ans Meer zu fahren. Schon längst wollte ich mir anschauen, wo die Große Mauer im Meer beginnt, und irgendwo, in einer Schublade schlummerte doch noch eine Hotelempfehlung von Frau Schulze-Permentier. Ich habe den Merkzettel tatsächlich gefunden; er hatte unseren Umzug überlebt; ich hatte damals nicht nur das Hotel, sondern auch Zugverbindungen notiert, die den Fahrplanwechsel besser überlebt hatten. Also buchten wir einen Schnellzug ab Beijing Zhan (Hauptbahnhof) nach Qinhunagdao am Bo Hai (der innere Golf des Gelben Meeres, welches von Nord/Ostchina und Korea umgeben ist).

Das Hotel, ein Holiday Inn (ein bisschen westliches Ambiente gab es also doch!), liegt direkt am Strand, und wir machten abends nach unserer Ankunft gleich noch einen kleinen Spaziergang. Am Morgen stellte sich beim Joggen heraus, dass der Strandabschnitt etwa 1 km lang war und ein Pier mit Leuchtturm noch etwa 200m ins Meer ragte. Für die Begehung desselben musste man allerdings am Kassenhäuschen 2 Yuan bezahlen (ca. 35 Cent) – Kurtaxe eben!

Das Frühstück war vielfältig (westlich und chinesisch), und wir labten uns gute 1,5 Stunden, bevor unser Ausflug mit dem Taxi zum Mauerabschnitt nach Shanhaiguan begann. Ca. 20 min Fahrt über leere Vorstadt- und Küstenstraßen, die von etlichen Hochhausblöcken und Hafengebäuden gesäumt waren, waren weder architektonisch noch landschaftlich schön, trafen aber unsere chinesischen Vorstellungen. Auf das kulturelle Highlight wurde aber schon frühzeitig mit Schildern hingewiesen, und wir wurden an einem großen Parkplatz abgesetzt, der, Gott sei Dank, nicht mit Touristenbussen vollgeparkt war. Es blieb sehr überschaubar, denn eben dieses Wochenende lag vor den chinesischen Nationalfeiertagen – viele Chinesen mussten (vor-)arbeiten.

Der Anblick des restaurierten Mauerrestes war nicht s e h r spektakulär, aber sehenswert. Schon am Meer sollten die Manschuren von einem scheußlichen Drachenkopf, der der Mauer aufgesetzt war, abgeschreckt werden. Offensichtlich waren weder Chinesen noch Manschuren oder andere Völker geübte Seefahrer – zu leicht wäre eine Umschiffung eigentlich gewesen, so dachten jedenfalls Almut und ich als wir die Mauer ins Meer ragen sahen. Es war sicherlich kein Bollwerk gegen Piraten, sondern eher gegen Ruderboote 🙂

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Der Besuch des Pavillons der Meeresgöttinnen sprach uns natürlich auch an, allerdings meinte es der chinesische Poseidon zu gut mit uns, lud uns auf seine Weise ein, bedeutete: Wir wurden pitschnass. Hatten allerdings auch anderen viel (Schaden-)Freude bereitet. Ein Chinese zeigt mir stolz seine Aufnahme, wie Almut und ich von der aufspritzenden Gischt überrascht wurden. Leider hatte er kein WeChat und war nicht in der Lage mir das Bild zu schicken – das wäre ein sensationelles Mitbringsel gewesen.

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Die Erfrischung heizte unseren Tatendrang nur noch weiter an, sodass wir auch noch die Altstadt von Shanhaiguan besichtigen wollten. Wir wurden mit leeren Straßen und Mauerabschnitten belohnt; allerdings gefiel uns dieser touristische hergerichtet Teil weniger, denn es spielte sich dort kein echtes Leben mehr ab. Geschäfte und Kleinstmuseen waren nur auf das Geschäft mit den Touristen ausgerichtet – lediglich die Obstverkäufer waren „echt“, lebten aber offensichtlich auch nicht in diesem Teil der Stadt. Dennoch – die Mauer war beeindruckend hoch und begehbar.

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Und auch der Platz vor dem Haupttor war beeindruckend groß. Wenngleich es etwas romantisch klingt, genauso stellte ich mir eine chinesische Altstadt mit Zugang zur Mauer vor. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie auf dem Platz exerziert wurde, wie Massen an Soldaten die Mauer schützen und hier zum Appell antraten. Die Bilder in meinem Kopf sahen genauso aus:

Den Abend ließen wir am Strand ausklingen; wir aßen Gemüse und ein paar Garnelen, die hoffentlich fangfrisch waren. In der Tat gab es überall Angebote, um Fisch und anderes Meeresgetier frisch aus dem Aquarium ausgesucht, zu essen. Uns gefiel es schon allein deshalb, weil wir am Strand sitzen und dem Meeresrauschen zuhören konnten. Gibt´s in Peking einfach nicht!

Sonntag war zwar unser Abreisetag, aber wir hatten genügend Zeit mit dem Taxi in die andere Richtung zu fahren und den mondänen Badeort Beidahe zu erkunden. Unsere 4.-Klässler fahren jedes Jahr auf Klassenfahrt hierher und wohnen nah am Strand in Gruppenunterkünften, die früher der Partei oder eben Parteijugendgruppen gehörten. Mich erinnerten die Kiefern am Strand und Straßenrand sehr an Reiseziele im früheren Jugoslawien, wo Jugendgruppen aus dem Landesinneren ans Meer geschickt wurden (oberhalb von unserem Badestrand in Rijeka gab es ein solches Haus. Jedes Jahr kamen Kinder aus Zagreb, mit denen wir am Strand spielten). Und in Smokvica wohnten wir neben Titos Feriendomizil, das eben mit solchen Kiefern bepflanzt und von sandigem Boden umgeben war. Mondän ist der Ort heute nicht mehr, aber der Hauch on Exklusivität liegt über den Touristen-/Einkaufsläden, die sich offensichtlich am russischen Klientel orientieren. Überall gab es Hinweisschilder und Menükarten in Russisch!

Wir genossen natürlich wieder den Strand. Einige Abschnitte sind kostenpflichtig (Hauptstrand), andere sind frei begehbar und man kann überall baden. Die Chinesen erfreuen sich ebenfalls daran, allerdings erscheint diese Aktivität ihnen eher neu zu sein, so kindlich ist ihre Freude dabei.

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Wir beobachteten auch an unserem Hotelstrand, dass Roboter, Strandfahrzeuge und Ramschartikel sich größerer Beliebtheit erfreuen als Barfußlaufen oder Sandburgenbauen…. Es schien uns, als ob Freizeitverhalten etwas ist, was den Chinesen noch fremd ist. Familien kümmern sich mit Hingabe um den Nachwuchs (vor allem die Großeltern), und der Strandausflug ist explizit ein Familienerlebnis, doch können die Kinder nicht oder dürfen nicht alleine spielen. Sich selbst zu beschäftigen ist nicht möglich, da ständig Erwachsene um sie herumwuseln und sie be-spielen. Das ist allerdings eine Entwicklung, die man auch bei Helikoptereltern in westlicher Ausprägung kennt.

Almut und ich haben den Ausflug, der Sonntag Abend um ca. 18 Uhr wieder in Peking endete, sehr genossen. Tapetenwechsel und auch die Augen mal wieder offen zu halten, hat uns viel Spaß gemacht. Ein kleiner Einblick in chinesische Geschichte, chinesisches Strandvergnügen, Kindererziehung oder einfach das Sich-Bewegen in chinesischem Ambiente hat mir mal wieder den Blick geschärft anderes wahrzunehmen. Und ich hoffe, dass ich mir diese Neugier nie abhanden kommen wird.

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Unser 6. Jahr beginnt…

mit dem beruhigendem Gefühl, nicht umziehen zu müssen. Völlig gelassen und entspannt können Stephan und ich uns darauf verlassen, dass unsere Ayi die Wohnung frisch gereinigt hat, frisches Obst im Kühlschrank zu finden sein wird, und das Kühlfach wird mit selbst gemachten Teigtaschen (jaozi) gefüllt sein. Ich hatte ihr eine Woche zuvor eine Sprachnachricht auf WeChat (dem bekanntesten chinesischen sozialen Medium, das Kurznachrichten übermittelt) zukommen lassen, wann wir genau wiederkommen würden. Somit wird es ein angenehmes Ankommen werden – hoffe ich, denn ich sitze im Flieger nach Beijing, überbrücke die Stunden, indem ich Euch allen endlich wieder etwas zu lesen zukommen lasse. Zuletzt war es doch etwas weniger geworden……Zum Einen, weil ich mit meinem PQM-Job doch ein bisschen `was in der Schule zu tun hatte, zum Anderen, weil mich schon ab und zu der Gedanke beschlich, vielleicht nichts Neues mehr schreiben zu können. Nach 5 Jahren ist doch alles etwas abgedroschen, Ihr kennt Euch vielleicht alle schon in unserem chinesischen Alltag aus. Oder mir erschien es selbst, als ob es nichts wirklich Neues mehr gab, über was es sich zu berichten lohnte …???

Tatsächlich habe ich aber immer wieder zwischendurch eine Idee, über die ich berichten müsste. Und offene Baustellen (z.B. unsere Umzug im letzten Sommer) gibt es ja auch noch:

Im letzten Sommer hatten wir dann tatsächlich am letzten Tag vor dem Abflug noch unsere Miete für die kommenden 6 Monate überwiesen (für die neue Wohnung wohlgemerkt; die alte Wohnung ist für über 1,2 Mio Euro verkauft worden). Die neuen Vermieter, deren Wohnung nur einen Steinwurf von unserer alten entfernt ist – nämlich genau zwei Hochhäuser weiter, in demselben Wohnkomplex, wollten auf Nummer sicher gehen, dass wir auch seriös genug sind. Nur kam die Überweisung nicht an, da die Angaben zum Kontoinhaber nicht korrekt waren….. Also war es dann doch in Ordnung erst im August, nach unserer Ankunft die Miete zu überweisen. Die Bank versicherte uns, dass die nicht unerhebliche Summe wieder zurück auf unserem Konto überwiesen würde (war sie auch; auf die Banken ist echt Verlass!)

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Unser Wohn- und Essbereich

Wir hatten bis zum letzten Schultag unser Hab und Gut in Kisten verpackt, und die gute Fee – unsere Ayi – versprach, schon Einiges in den Ferien mit einem Wägelchen in die neue Wohnung zu karren. Erstaunt stellten wir bei unserer Ankunft fest, dass nur noch unser rotes Ikea Regal und zwei, drei Kleinigkeiten zu schleppen waren. Unsere Ayi kam mit ihrer Schweigertochter und Enkelsohn, um die paar Habseligkeiten für uns in die neue Wohnung zu bewegen – und das war´s! Wir hatten kaum einen Finger selbst gerührt. Außerdem standen die Pflanzen schon am Fenster, einiges hatte die Ayi schon in die Schränke geräumt, wir fühlten uns gleich wie zu hause. Toll! So bequem, so angenehm für uns. Die Ayi ist ein Schatz!

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Blick gen Westen bei Tag….im Hintergrund die Westberge!

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Dieses Jahr vor den Sommerferien machte unsere Maklerin noch einen Nachmittagstermin mit uns aus, an dem wir zu hause sein sollten. Die neue Wohnung war nun im Begriff verkauft zu werden, aber wir brauchten uns keine Sorgen zu machen, denn wir würden als Mieter praktisch mit verkauft werden. Unser Mietvertrag sollte, wie abgesprochen, noch ein weiteres Jahr Gültigkeit haben. Doch die neuen Besitzer würden die Wohnung gern mal ansehen, hatten sie diese doch vom Reißbrett gekauft. Das Ehepaar machte einen sehr netten, zugewandten, gepflegten, aber nicht neureichen Eindruck. Sie mochten wohl Anfang vierzig sein, haben ein Kind und haben sich mit dem Kauf sicher bis über beide Ohren verschuldet – die Wohnung wurde für eine Million Euro verkauft…. ein tatsächlich nicht zu hoher Preis. Gerade wird für jedes abgewetzte Apartment derselbe, dann aber überhöhte Preis, verlangt. Aber der Bedarf ist offensichtlich da, z.B. aus folgendem Grund:

Unsere neuen Besitzer haben eine Wohnung speziell in unserem Viertel ausgesucht. Nicht weil es so zentral gelegen oder modern und nah zum hippen Einkaufsviertel „Sanlitun“ liegt, sondern weil sie ihr Kind auf eine Schule mit besonders gutem Ruf in Peking schicken wollen. Diese Schule liegt in unserem Viertel. Und da die Eltern für eine gute Ausbildung ihrer Kinder einfach alles tun, verschulden sie sich hoch. Das kurbelt den Wohnungsbau weiter an, lässt Immobilienpreise eben doch nicht sinken (auch zu unserem Leidwesen), erhöht aber natürlich auch den Leistungsdruck auf die Kinder, die die Ehre der Familie erhalten oder steigern wollen/müssen, erhöht damit aber auch die Chance auf eine Universität der eigenen Wahl zu gehen – kurz: Die Weichen für eine hoffentlich besonders aussichtsreiche Zukunft der Kinder werden gestellt.

Für uns zunächst unverständlich war der damit verbundene Wohnungskauf, denn in Deutschland reicht ein zweiter Wohnsitz oder eben ein Wohnsitz überhaupt – kann auch zur Miete sein. In China reicht das nicht aus.

Der Staat hat schon vor langer Zeit ein System erdacht, die Menschen an ihren Geburtsort zu binden, um unkontrollierten Völkerwanderungen vorzubeugen. Jeder Chinese erhält durch seine Geburt eine Art Personalausweis für´s Leben (rukou), der ihn und die Familie an einen Ort bindet. Möchte man woanders sein Glück versuchen, ist das nicht ohne Weiteres möglich. Die vielen Wanderarbeiter vom Land verdingen sich in den Großstädten, können aber z.B. ihre Kinder nicht mitnehmen, da diese nur „zu hause“ (am Geburtsort) zur Schule gehen dürfen.

Wenn geheiratet oder ein Kind am neuen Wohnort geboren wird, müssen Papiere aus der Heimatstadt besorgt werden. Kollegen an der Schule, die chinesisch verheiratet sind, erzählen von Mammutunternehmungen, wenn Papiere zur Hochzeit oder Kindstaufe aus abgelegenen Provinzen herbeigeschafft werden müssen, um sich selbst, die Ehefrau oder das Kind zu legalisieren. Lange Zugfahrten, eingeschränkte Öffnungszeiten, weitere fehlende Bürgschaften…..jede Menge Papierkram, der erledigt werden muss.

Das Ehepaar freut sich darauf, dass ihr Kind dann bald auf die neue Schule gehen kann; ob das schon jetzt ab August passiert, wenn die Kaufangelegenheiten abgeschlossen sein werden, wissen wir nicht. Auf jeden Fall haben wir die Eltern eingeladen, uns nochmals besuchen zu kommen, wenn unser Auszug Ende Juni 2017 naht. Sie hatten nämlich schon jetzt ihren Zollstock dabei, um die echten Maße aufzunehmen, um Umbauten oder Möbelkauf zu planen. Sie wollten uns ungern nochmals stören…. Da ist sie wieder die chinesische Zurückhaltung, wenn es um die privaten vier Wände geht. Sie wollen uns nicht stören, weil es ihnen selbst unangenehm ist, Besuch zu empfangen. Dass man sich gern Gäste oder Freunde ins Haus einlädt, ist hier in China eher unbekannt. Zu klein, zu schäbig, zu wenig vorzeigbar sind die Wohnungen….vermuten wir. Tatsächlich haben wir noch keine Einladung in ein chinesisches Zuhause erhalten. Es wäre zu schön, diese Gelegenheit zu bekommen. – Chinesen treffen sich lieber draußen vor dem Haus, im Park oder öffentlichen Plätzen, gehen am liebsten Essen, um Freunde und Gäste zu beeindrucken, indem sie die Rechnung bezahlen. Nicht einmal meine langjährige Chinesischlehrerin mag mir ihre kleine Wohnung zeigen. Dafür hat sie mich aber an ihren Arbeitsplatz in einer Universität mitgenommen. Sie ist für die Organisation des Chinesischunterrichts für Ausländer verantwortlich und hat sogar einen Büroplatz, den sie sich mit zwei Mitarbeitern teilt. Winzig, etwas heruntergekommen, aber immerhin ein Arbeitsplatz mit Rückzugsmöglichkeit an einer sonst belebten Uni.

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Büro in der Uni

Schwerpunkt der Uni ist das Studium von Kunst und Design, sodass überall Ausstellungstücke aus ganz unterschiedlichen Bereichen zu sehen waren: Schmuckherstellung, Klamottendesign, … Ich konnte auch einen Blick in die Werkstätten werfen, die modern erschienen und vor allem genügend Raum für kleinere Arbeitsgruppen boten. Highlight für mich war dann aber der Mensabesuch:

Insgesamt erstreckte sich das Essensangebot über zwei Etagen. Im Erdgeschoss gab es sicherlich acht verschiedene Essensausgaben: Kalte Speisen, scharfe Suppen, Gemüsiges, viel Fleischiges, unterschiedlich regionales Essen. Ich probierte vier oder fünf verschiedene kleine Tellerchen, darunter ein Kartoffelsalat mit Ananas. Unsere beiden Tabletts kosteten kaum 3 Euro zusammen. Eine Schale Reis kostet nur wenige Cents – das Essen wird von der Regierung bezuschusst.

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Im oberen Geschoss boten kleine fastfood-ähnliche Stände frisch Frittiertes, vietnamesisch Gebratenes, Sushi oder Gebackenes an. Außerdem gab es eine muslimische Essensecke (!) und ein gehobenes Restaurant. Welch schmackhafte Vielfalt! Trotzdem konnte ich natürlich etliche Studenten sehen, die sich Essen von außerhalb der Unitore holten. Sie trugen Suppen oder andere Gerichte in Tüten bei sich. Es schmeckt eben doch immer „das Andere“ besser als die tägliche Auswahl.

Was gibt es in der Mensa der DSP zu essen? Höre ich Euch fragen?

Das Angebot umfasst immer drei bis vier Gerichte, davon immer eines aus der deutschen Küche, eines aus der chinesischen. Salat, belegte Baguettes und Suppe vervollständigen das Angebot. Die Qualität schwankt….oft ist das chinesische Essen richtig lecker, aber wenn es z.B. Milchreis gibt, fliegen sogar die Schüler darauf. Manchmal geht es bei uns einfach wahnsinnig deutsch zu. Freitags gibt´s z.B. immer Fisch !

 

Kleiner Nachtrag von heute, Sonntag, den 14.8.2016:

Stephan und ich konnten bereits die leckeren, neu hergestellten Jiaozi unserer Ayi probieren; wir sind zurück in Beijing, und fühlen uns gleich wieder wohl. Ich hatte dieses Mal einen recht melancholischen Abschied von Deutschland. Den Urlaub an der frischen Luft, mit den vielen Radtouren und Sportmöglichkeiten, den lieben Freunden (!!!) wollte ich nur ungern enden lassen. Doch kaum hier angekommen, spürte ich wieder ein Wohlgefühl angesichts der chinesischen Exotik, unser eigenen 4 Wände, der frisch renovierten Schule, dem ganz anderen Großstadtleben. Wir haben eben doch mehr als nur einen Wohlfühltort.

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Botschaftsbesuch Nr. 2

Bevor unser sechstes (6.!!!) Schuljahr an der DSP und eben unser sechstes Jahr in Peking beginnt, möchte ich noch berichten, wie das letzte Jahr zu Ende gegangen ist….nämlich wieder an der Deutschen Botschaft.

Dieses Mal erhielt nur ich eine Einladung, Stephan musst zu hause bleiben, und es war ein Dresscode, also eine Kleiderordnung für den Abend vorgeschrieben: Herren sollten im schwarzen Anzug, die Damen im kurzen Kleid erscheinen…..zu Ehren von Frau Merkel, die in diesem Jahr, glaube ich, schon zum dritten Mal in China war. Dazu muss man wissen, dass an einem solchen Abend die Gäste ausgewählt werden; zu jeder anderen Botschaftsveranstaltung, wie z.B. dem WM-Gruppenspiel gegen Polen, konnte sich fast jeder über eine Sammelanmeldung selbst einladen; zum jährlichen Weihnachstbasar im Dezember muss man bis zu 4 Stunden draußen Schlange stehen, außer man hat ein VIP-Ticket, um beim Aufbau zu helfen. Dann geht´s wohl etwas schneller.

Ich hatte jedenfalls eine Einladung zu diesem Abend erhalten; ich denke, dass der deutsche Botschafter an mich gedacht hatte, als ich im Gespräch bei der Abiturentlassungsfeier seiner Sohnes, dessen Klassenlehrerin ich war, fallen ließ, dass ich doch einen Besuch von Frau Merkel an unserer Schule ganz passend fände….und ich auch sonst diese Frau gern einmal treffen würde. Eine nette Geste, denn sonst wird man nur per Zufall über die „Deutschenliste“, die die Botschaft führt, zu solch einer Veranstaltung ausgewählt. Mir war auch nicht ganz klar, welche Art von politischem Abend mich dort erwarten würde, aber es versprach ein spannender zu werden, schließlich hatte die Bundeskanzlerin gleich eine ganze Riege ihrer Minister dabei, so die Presseankündigung. Und ich freute mich darauf, Politluft zu schnuppern.

Nach der Ausweiskontrolle wurde man gleich in den Garten geleitet, der schon gut besucht war, und ich war erstaunt, wie viele chinesische Gäste sich ebenso eingefunden hatten. Es gab Erfrischungen und hors-d´oeuvres von einem renommierten Catering Service, somit konnte ich angenehm mit einem Chinesen plaudern, der mir Details zur Verköstigung und Anzahl der Gäste nennen konnte, da er selbst noch bis vor kurzem in der Botschaft solche Ereignisse organisiert hatte, inzwischen aber bei der Industrie- und Handelskammer arbeitete. Etwas über 500 Gäste waren geladen, und das Catering wurde nun nicht mehr vom Grand Hyatt Hotel übernommen, denn die hatten ja einen Hotelbrand als Herr Gauck in Peking weilte – diese Schmach hatte man noch nicht verkraftet.

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Chinesische und deutsche Gäste; apartes chinesisches Musikensemble

Chinesische und deutsche Gäste; apartes chinesisches Musikensemble

Nächster Gesprächspartner war ein Journalist, der für Bloomberg schreibt, welche etwa die amerikanische Version des Reuters Nachrichtendienst darstellt, und der mit dem Merkeltross mitgereist war. Er wusste, dass es noch etwas dauern würde bis Frau Merkel erscheint, obwohl Wolfgang Schäuble bereits an mir vorbei gefahren war. Ebenso standen bereits Herr Maaß und Frau Wanka im Empfangsraum – kaum mehr als ein paar Meter neben mir, bereits in Gespräche vertieft. Herr Steinmeier lehnte betont lässig am Cocktailtisch und war im Gespräch mit der Frau des Botschafters. Er war wirklich gut gelaunt und machte auf mich einen kommunikativen und entspannten Eindruck.

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Frau Merkel wurde von Beginn an eng von der Security begleitet, ständig jemand an ihrer Seite, der den Weg zeigte; sie ging entschlossenen Schrittes in einen Presseinfo-Termin (mit meinem Journalisten). Ihr Blick offen, aber bestimmt. Danach sprach sie im Garten zu allen Gästen, worauf alle gewartet hatten.

 

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Ich war noch in ein Gespräch mit einem Chemikonzern-Chef verwickelt, konnte aber noch den Rest der Rede, die sie frei hielt, mitbekommen. Alle paar Sätze wurde simultan ins Chinesische übersetzt; ihre Worte stellten die wichtige Zusammenarbeit unserer beider Länder und den engen Austausch (Jahr des deutsch-chinesischen Jugendaustausches) in den Blickpunkt, nicht ohne auch auf Differenzen und weiteren Gesprächsbedarf anzumerken (in Bezug zum Thema: KUKA). Anschließend wurde sie regelrecht bestürmt, musste neugierigen und aufdringlichen Gästen Rede und Antwort stehen und das in diesem Gedränge. Ihre Bodyguards waren mächtig in Hab-Acht-Stellung! Der Pastor der DSP hatte sie sogar in ein Gespräch zur Stellung der Kirche in China verwickeln können, wie er später erzählte, und sie war bestens informiert, bestätigte er.

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Merkel sehr gelassen trotz der Menschenmassen.

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Merkel irgendwo mittig…

 

 

 

 

 

 

 

Es waren wirklich nur kurze Eindrücke, die ich live von unserer Bundeskanzlerin erhaschen konnte, und doch blieb eine stille Bewunderung für ihre Professionalität zurück: Die Anzahl der Termine am Tag, ihre Frische und die gewählten Worte, die weder abgelesen noch abgedroschen klangen. Ich war und bin tatsächlich beeindruckt. Die anderen Gäste, die insgesamt gesehen auschließlich zur Verzierung des Abends anwesend waren, machten aus ihrer eigenen Anwesenheit ein Schaulaufen; es schien wichtig zu sein, wer mit wem dort gesehen wurde, und sicherlich wurden auch Kontakte geknüpft, die ich als normal sterblicher Lehrer nicht unbedingt benötige. Stattdessen freute ich mich über Anekdoten, die der chinesische Vorstandsvorsitzende der DSP aus seiner Studienzeit in Deutschland erzählte oder darüber, zu verstehen, dass es genau solche Abende sind, die den Austausch zwischen den Kulturen vertiefen, denn geknüpfte oder aufgefrischte Kontakte ermöglichen vielleicht eine spätere Umsetzung von Ideen. Jedenfalls kann es nicht schaden, den Kulturattaché zu kennen, besonders, wenn er anbietet, Kontakte zu chinesischen (Sport-)schulen zu knüpfen. Wir werden sehen, was daraus wird.

Ich fuhr beschwingt nach diesem Politabend nach hause, fühlte einen weiteren Einblick in politische Abläufe erhalten zu haben und habe es auch genossen, ganz unterschiedliche Menschen gesprochen zu haben. Alle waren und sind Teil des kulturellen Austausches. Gleichfalls war der Abend einfach unterhaltsam, wenn man sich selbst nicht so wichtig nimmt.

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Ganz echte Fotos zum BJ AQI (von Oktober 2015 – kleine Verspätung, sorry)

Es hat jetzt tatsächlich über 4 Jahre gedauert, dass ich doch mal etwas zum Thema „Luft in Peking“ schreibe. Für alle von Euch, und das sind wohl die meisten, AQI bedeutet AIR QUALITY INDEX….und diese App hat jeder, wirklich jeder Ausländer, der in Peking lebt, auf seinem Handy. Jeder außer mir. Mir reicht es morgens aus dem Fenster zu schauen, um zu beurteilen, wie die Luft denn so ist. Und in den letzten Monaten war sie wirklich prima. Die App wird von den Daten der Amerikaner gespeist; sie zeigt auch die Luftwerte anderer großer Städte in China an – Shanghai, als „großer Konkurrent“ wird gern als Vergleich mal angeschaut.

In der Schule steht morgens der aktuelle Wert im Lehrerzimmer angeschrieben, damit man weiß, ob vielleicht die außerordentliche Pausenregelung greift. Dann müssen die Schüler die Pause leider im Inneren der Schule verbringen; bei unserer Luftfilteranlage, die der Vorstand vor 1,5 Jahren hat einbauen lassen, ist das dann gar nicht mehr so unangenehm, denn die Werte sind fast mit einem Luftkurort vergleichbar 🙂

Da letzte Woche die Werte nach langer Zeit wieder mal über 350 hoch waren, hab ich mir gedacht, ich knipse mal vorher-nachher-Bilder aus unserem neuen Zuhause im 26. Stock. Bei bestem Wetter können wir über all die Hochhäuser hinweg die Westberge sehen. Bei schlechten Werten erahnt man kaum die Häuserreihe hinter dem Fußballstadion. Meine Bilder sind garantiert nicht retuschiert, mit derselben Kamera, um fast dieselbe Uhrzeit aufgenommen. Macht Euch selbst ein Bild:

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Luftwerte bei ca. 330, dicke Luft 🙁

 

 

 

 

 

 

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juchuuuuu – was für ein Ausblick, oder?; Luftwerte ca. 20

 

 

Nach 2,5 Tagen war der Spuk dann wieder ganz schnell vorbei. Aus dem Süden kommend, drückt der Wind die Luftmassen gegen die uns umgebende Bergkette; sie steht dann wie eine Glocke über der Stadt – meist ist es dann auch viel feuchter. Dreht der Wind auf Nordrichtung, bekommen wir Wind aus der Mongolei; der ist kälter, trocken und bläst den Smog einfach weg, und das innerhalb weniger Minuten.

Auch heute war wieder ein toller Herbsttag, mit noch deutlich über 20 Grad, sonnig, Wind aus dem Norden, und wir haben endlich Pekings neueste Attraktion begutachtet. Denn auch hier gibt es natürlich einen Ausblicksturm: den Olympic Tower, den es aber zu den Spielen noch nicht gab. Er ist erst in diesem Jahr eröffnet worden, glaube ich. Und weil die Auffahrt mit RMB 200 nicht ganz billig ist, gab es weder Andrang an den Kassen oder am Aufzug, noch Gedränge auf den beiden Plattformen. Wir waren zunächst fast allein, haben die Aussicht genossen, alle markanten Gebäude entdeckt, die wir kennen und gestaunt, dass wir deutlich über 30km weit gucken konnten – großartig.  Besonders dann fühlt sich Peking wie unser Zuhause an. Ich bin selbst manchmal erstaunt, wie gut ich die Stadt bereits kenne………. es gibt natürlich auch noch viel von uns Unentdecktes, aber es ist eben unsere Stadt.

(hier fehlen Fotos, die irgendwie verschwunden sind. Da müssen wir die tollen Asublickspilze wohl nochmals besuchen!)

Für das ganz große Wohlfühlprogramm fehlte uns nur noch ein Café oben auf der windgeschützten Plattform, wo uns die Sonne  beim kleinen Gedeck auf den Pelz brennen würde. Kurzerhand setzte ich mich auf den Boden und ließ mir die Sonne ins Gesicht scheinen……Chinesen setzen sich nie auf den Boden – der ist ja üblicher Weise viel zu schmutzig. Ich fand es klasse, die Beine von mir zu strecken und den Ausblick zu genießen.

 

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Gejammer !

Klar ist, wir jammern nicht.

Höchstens darüber, dass ich seit Monaten keinen neuen Artikel geschrieben habe.

Stephan und ich haben andere jammern hören…………… genauer gesagt, es haben viele gejammert – viele kohlrabenschwarze Krähen, die uns täglich in unserem Osterurlaub morgens früh geweckt haben. Sie saßen auf den Nachbardächern oder in den vielen Pinienbäumen, die an der Westküste Australiens überall die Straßen von Perth säumen. Die Vögel treten selten allein auf, sie fliegen zwar nicht im Schwarm, aber sie sind keine Einzelgänger. Es sind immer zwei, drei Tiere beieinander. Der Gesang – also das Gejammer – klingt jedoch als wären sie gerade von ihrer Liebsten oder ihrem Liebsten fürchterlich enttäuscht oder gar verlassen worden. Drei, maximal vier Rufe ertönen nacheinander: Zwei oder drei sind recht laut und richten sich wohl direkt an einen anderen Vogel, der jeweils letzte Ruf klingt herzzerreißend und endet in einem leisen, mühsam hervorgebrachten Seufzer, der uns nur erahnen lässt, was hinter dieser großen Traurigkeit stecken mag. So sehr sie uns nach nur wenigen Tagen auf die Nerven gingen, so sehr bemitleideten wir sie, und sie wuchsen uns ans Herz.

Dieses Tier klang besonders jämmerlich....seine Heimatinsel "Rottest Island", welche Perth vorgelagert ist, schien es nicht besonders zu mögen.

Dieses Tier klang besonders jämmerlich….seine Heimatinsel „Rottest Island“, welche Perth vorgelagert ist, schien es nicht besonders zu mögen.

Insgesamt haben wir uns an jedem Vogeltier erfreut, dass dort durch die Lüfte segelt und voller Frohsinn trällert, nach Weggefährten ruft, den Schwarm zusammenhält und einfach aus purer Freude singt. Es waren natürlich die typisch australischen Geschöpfe, die es uns am meisten angetan haben: Pelikane, die eher durch ihre strikt eingehaltene Formation auffallen als durch Gesang, Kakadus und andere Papageien fliegen in großen, laut kreischenden Schwärmen umher, und befallen sie gemeinsam einen Baum, versteht man sein eigenes Wort nicht mehr, wenn man in der Nähe ist. Wir sahen auch Schwalben, die wir vor allem am frühen Abend in der Dämmerung wahrnahmen, wenn sie am Strand, kurz vor Sonnenuntergang, über uns hinwegsegelten; hier fehlte uns die Besonderheit, aber sie fielen uns natürlich auf, weil wir in Beijing kaum Vögel haben – schon gar keine Vielfalt.

Lovely and loving creatures !

Lovely and loving creatures !

Wir sind immer noch gern in Beijing, aber nach 5 Jahren Exotik, die uns natürlich weiterhin täglich begegnet, fehlen uns hier und da Dinge, die anderswo selbstverständlich sind und auch für uns zum normalen Leben dazu gehören, wie Vögel oder eben keine hupenden Autos. Es heißt noch lange nicht, dass wir des Lebens hier überdrüssig werden, denn wir haben noch längst nicht alles entdeckt. Aber auch gerade das ärgert mich manchmal sehr. Ich weiß, dass ich niemals sehr viel werde entdecken oder erfahren können, da mein Chinesisch einfach nicht gut genug ist dafür. Trotzdem liebe ich meine Chinesischstunden, die ich weiterhin regelmäßig nehme. Meine Lehrerin ist mein Fenster in die Welt Chinas, und durch sie verstehe ich ein bisschen besser, wie die Menschen ticken und was sie bewegt. Demnächst wollen wir uns mal privat treffen; darauf freue ich mich sehr. Ob ich noch meine 600 Zeichen lerne, um die Sprachprüfung 3 zu absolvieren, weiß ich aber einfach nicht.

Unsere Reise nach Perth war sehr erlebnisreich, und wir fühlten wir uns weniger als Touristen als echte Bewohner der Stadt. Wir wohnten privat und haben schnell den Lebensstil der Aussies angenommen, obwohl wir uns echt bemühen mussten, um mit den sportlichen Australiern mitzuhalten. Die sporteln nämlich schon morgens ab 5 Uhr; da ist es sogar noch dunkel: Sie fahren Rad im Pulk, rudern auf dem Fluss, fahren Kajak, machen Stand-up-Paddling, kiten, surfen, laufen oder besuchen ihre vielen Fitnessstudios, die rund um die Uhr geöffnet haben. Wir sind in unserer Radgruppe jedenfalls erstmal richtig hinterher gefahren….von wegen, wir sind fit….

Erste Radtour in die angrenzenden Bergketten. Im Hintergrund die (mini) Skyline von Perth.

Erste Radtour in die angrenzenden Bergketten. Im Hintergrund die (mini) Skyline von Perth.

Wir haben Perth per Rad erkundet, sind die Strände nach Norden und Süden abgefahren, haben südlichere Küstenstädte besucht, um nach Perth zurückzufahren, kennen die Flussmündung und nähere Peripherie rund um die Flussufer von Perth, wunderschön.

Lieblingsausblickspunkt am Swan River.

Lieblingsausblickspunkt am Swan River.

Wir haben Delfine auf dem Weg nach Rottnest Island gesehen und sind dort den zutraulichen Quokkas begegnet. Und sehr nette Australier haben es uns leicht gemacht, uns dort wohl zu fühlen: unser Gastgeber und unser Radprofi waren beide sehr fürsorglich. Australien hatte es uns wieder angetan……wie schon bei unserer ersten Reise 1998.

 

Radtour am Strand !

Radtour am Strand !

Seit unserem letzten Besuch in WA/Western Australia hat die Stadt sehr vom Erz- und Mineralienabbau profitiert. Nicht nur China lässt sich diese Bodenschätze liefern. So, wie sich bei uns Banken oder Versicherung Prunkbauten weithin sichtbar hinstellen, machen das in Perth die Minen- oder Ölfirmen. Ein Bauboom hat die Stadt erfasst; sie expandiert vor allem an den Küstenregionen im Norden und Süden der Stadt – denn nur dort ist es für Otto Normalverbraucher erschwinglich mit Blick auf das Meer zu wohnen, und wer möchte das denn nicht? Transferzeit in die Stadt muss dann einkalkuliert werden, aber gegen den Verkehr in Beijing läuft es auch in den Stoßzeiten……ist eben doch (noch) eine Kleinstadt, und Perth ist uns allein deswegen sehr sympathisch.

Mein Bruder hätte wohl gern die lebensgroße Statue von AC/DC-Sänger, Bon Scott, gesehen. Ihm hat seine Heimatstadt ein Denkmal gesetzt, und wir wurden in unserer kuriosen und sehr privaten Stadtrundfahrt per Rennrad daran vorbeigeführt. Wir überquerten sogar den „Highway to Hell“ – ganz ungefährlich, Gott sein Dank!

 

David führte uns ganz privat mit dem Rad durch Perth und Freo (Fremantle). ER sprach auch beim Radeln durchs Mikro, wir trugen jeweils einen Knopf im Ohr.

David führte uns ganz privat mit dem Rad durch Perth und Freo (Fremantle). ER sprach auch beim Radeln durchs Mikro, wir trugen jeweils einen Knopf im Ohr.

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Sänger von AC/DC, ein waschechter West-Australier!

 

 

 

 

 

 

 

 

Unser letzter Ferientag stand sinnbildlich für den lifestyle dort: Wir waren einfach den ganzen Tag draußen. Dadurch dass wir unser privates Domizil schon vormittags räumen mussten, frönten wir einem Vergnügen, das sonst gar nicht so unser Stil ist – am Strand liegen. Aber wir haben es genossen, vom späten Frühstück bis zum Abendbrot, welches ein Picknick im King´s Park war, draußen zu sein. Ozean und der „Schwanenfluss“ haben uns in ihren Bann gezogen, sodass wir unbedingt wiederkommen möchten.

Unser Hausstrand "Cottesloe Beach"

Unser Hausstrand „Cottesloe Beach“, echt traumhaft !

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Unser 5. Jahr in Peking…. (erneut aktualisiert: 4.9.2015)

beginnt mit aufregenden Tagen. Kaum zu glauben, aber dieses Land hält immer wieder Überraschungen bereit.

Zunächst sind wir gleich nach unserer Ankunft vor nur 12 Tagen umgezogen – nur etwa 200m weiter in den nächsten „tower“, aber packen mussten wir ja trotzdem. Ganz normal war der Umzug natürlich nicht; es gab wieder einmal chinesische Begegnungen und auch Annehmlichkeiten, die es wohl in dieser Form nicht in Deutschland gibt, sodass ich wohl einen eigenen Eintrag schreiben werde. Aber hier schonmal der neue Blick gen Westen über die Stadt bis hin zu den Westbergen; wir wohnen nun im 26. Stock 🙂

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Zurück zu unserem Einstieg: Die Vorbereitungswoche an der Schule verlief für uns „alte Hasen“ unaufgeregt, aber die eigentlich interessanten Themen sind natürlich wieder gesellschafts-politischer Art.

Die Stadt bereitet sich auf große Feierlichkeiten vor. Der Sieg im 2. Weltkrieg über Japan, der sich zum 70.Mal jährt, wird mit einer großen bis gigantischen Militärparade gefeiert werden. Jeden Tag erfahren wir Neuigkeiten darüber, welche Aktivitäten für den 3./4. September geplant sind.

In den Ferien wurde unsere Schule vom chinesischen Bildungsministerium angehalten, das Ende der Sommerferien einfach 3 Wochen nach hinten zu verschieben. Nur dem Verhandlungsgeschick unserer chinesischen Mitarbeiter der Verwaltung ist es zu verdanken, dass wir die Schule nun doch nur an zwei Tagen zwangsschließen müssen – so wie wohl die meisten Firmen, Büros und Fabriken. Gestern erfuhr ich von unserer Ayi, unserer Haushaltshilfe, dass auch keine Busse oder U-Bahnen fahren würden – in der ganzen Stadt mit ca. 20 Mio Einwohnern nicht. Autofahren ist auch schon seit 1 Woche nur eingeschränkt möglich; täglich dürfen sich nur die Hälfte der Autos auf den Straßen bewegen. Die Maßnahmen werden natürlich auch gerade deshalb vorgenommen, weil die Leichtathletik-WM zu besten Bedingungen (auch außerhalb des Vogelnestes) ablaufen sollen. Grndioses Wetter, tolle Luftwerte und deutlich weniger volle Straßen sorgen bei uns natürlich für beste Laune/, aber so ganz nebenbei: Wir haben seit Februar wirklich immens gutes Wetter, sodass Spiegelonline ja auch schon ewig nichts mehr zu berichten wusste. Kann also nicht nur an den besonderen Maßnahmen liegen /smiley/

Letzte Woche konnten Stephan und ich beobachten, dass der Zaun, der die beiden Fahrbahnrichtungen auf unserer 4-spurigen Verkehrsader voneinander trennt, letzte Woche sukzessive abgebaut wurde. Dies veranlasste sofort einige Autofahrer auf dieser Straßen zu wenden – bei laufendem Verkehr natürlich, aber größere Behinderungen sind bislang ausgeblieben. Nur fragten wir uns nach dem Bewegrund. Am Freitag Nachmittag sammelten sich dann hunderte Freiwillige an den Straßenrändern, aber es war noch nicht offensichtlich, mit welcher Aufgabe sie betraut werden sollten. Einige, wenige dieser Freiwilligen scheinen normaler Weise Ansprechpartner für die Nachbarschaft zu sein, doch zumeist sieht man sie nur zu zweit auf ihren Schemelchen sitzend und sich unterhaltend auf weitere Gesprächspartner zu warten. Sie tragen ein offizielles T-Shirt und eine rote Armbinde, die ihre Funktion erklärt.

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Diese Hundertschaften am Freitag trugen ebenfalls ein himmelblaues Shirt und eine rote Schirmmütze und sollten später die Fußgänger davon abhalten einem folgenden Spektakel zu nah zu kommen.

In unserem Haus gab es eine Ankündigung von „Aktivitäten“, die auf dem Gelände des großen Fußballstadions in unserer direkten Nachbarschaft stattfinden sollte. Was sollte das wohl sein? Keine Ahnung.

Erst großes Motorengeheul am Abend ließ uns vom Fernseher aufstehen und nach draußen blicken………….Panzer waren rund um das Stadion postiert und zur Abfahrt bereit. Also machten wir uns auf noch einen Spaziergang zu machen und mal zu schauen, was da passieren würde. Mir war nicht mulmig, und es war auch nicht unheimlich….doch ich erinnere mich, dass ich das letzte Mal Panzer als Kind in unserem kleinen Ummeln gesehen hatte, als die Briten auf Manöver waren. Damals war es aufregend, weil wir Schokolade und Kaugummi bekamen und auf den Panzer klettern durften. Der Anblick heute war unangenehm, da der Aufmarsch eine reine Machtdemonstration darstellt. Allein hier waren 40 Panzer in Position gebracht worden, die zur Probe zum Platz des himmlischen Friedens fuhren. Nächste Woche sollen es hunderte Fahrzeuge werden, die an der Parade teilnehmen.

Nach unserer samstäglichen Radtour erlebten wir weitere Proben und weitere Fahrzeuge: Neben Panzern fuhren nun auch Raketenabschussrampen auf – schön verkleidet im Tarngewandt.

Natürlich mussten auch alle Fahrzeuge wieder abtransportiert werden, sodass wir wegen der entsprechenden Straßensperren einen größeren Umweg über die Stadtautobahn fahren mussten (hier ist sonst kein Fahrradverkehr erlaubt), um zu unserem Wohnkomplex zu gelangen. Ja, es ist aufregend hier…..

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Stephan an der Straßensperre – im Hintergrund wird ein Panzer abtransportiert

 

(drei Tage später)

 

Nun heißt es, dass wir vielleicht sogar bereits am Mittwoch schließen müssen, oder nur bis 11.20h unterrichten werden – es ist weiterhin unklar. Aber die Ausfallstraße, an der unsere Schule liegt, soll wohl ab mittags gesperrt werden. Meine Chinesischlehrerin glaubt nicht, dass wir werden arbeiten können.

Weitere Details sind: Die Stadt wird bis in die Bartspitzen beleuchtet sein. Alle Lichter der Stadt werden wohl das letzte Quäntchen Strom aus den Anlagen ziehen, damit die Stadt hell erleuchtet sein wird. Wahrscheinlich soll das helle Licht ein Zeichen gegen den Krieg sein, denn auch uns ist vom Kriegsgeschehen in Deutschland bekannt, dass vor allem abends alles abgedunkelt werden musste, um nicht sich dem Gegner als potentielles Ziel zu zeigen.

Am Platz des himmlischen Friedens sind seit etwa 2 Wochen große Tribünen und überdimensionale Bildschirme aufgebaut, wie auch die Jahreszahlen 1945-2015 eingefasst in eine comic-kitschige Große Mauer.

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Tribünen für die Kadermitglieder

 

Themenwechsel:

Ja, bei der Leichtathletik WM sind wir natürlich auch schon gewesen. Tolles, internationales Spektakel – kaum Kontrollen, ruhiger Ablauf. Nachdem wir gesehen hatten wir scharf chinesische Passanten von Wachen/Polizei angepfiffen werden, nur um den Panzern nicht zu nahe zu kommen, waren wir bei den Sicherheitsmaßnahmen zur WM sehr positiv überrascht: keine Schikanen. Kurze, knappe Kontrolle per Scanner und schon konnte man sich auf dem Gelände des Vogelnestes frei bewegen. Hier haben die Chinesen sicherlich viel dazugelernt. Leider wird dem eigenen Volk noch misstraut, herrscht Angst, dass die Massen aufbegehren könnten, so vermute ich. Aber das Sportfest wieder einmal zu erleben (nach Berlin 2009) ist großartig. Die internationale, friedliche Stimmung, das Feiern der sportlichen Leistungen (sicherlich mit Unterstützung von Doping, aber darüber will ich mich hier nicht auslassen) sind Grund genug, um ein Mal ins Stadion zu gehen. Die Chinesen, zwar oft wenig sachkundig, lassen sich mitreißen. Stephan und ich freuen uns auf einen weiteren Besuch im Stadion am Samstag, den 29.8..

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IMG_9186Weitere WM-Atmosphäre konnten wir heute auf Einladung der deutschen Botschaft schnuppern: Unser OAS-Team wurde zum Empfang der deutschen Leichtathletik- Nationalmannschaft dazu geladen, und die Schüler und wir konnten die Sportler und Medaillengewinner treffen. Lockere, kontaktfreudige Sportler gingen aktiv auf die Schüler zu, unterschrieben auf ihren Shirts und standen Rede und Antwort. Wir Lehrer sprachen mit dem Chef-Trainer und Sportdirektor – auch ein Erlebnis und Einblick in die Welt der Profis.

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Nationalmannschaft in rot; unser OAS-Team in blau im Garten der Botschaft

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Die Kugelstoßerin,Gong, trainiert oft in D und spricht auch ein bisschen Deutsch. Sehr nette Begegnung!

Wow, was für ein Einstieg in das neue Schuljahr. Heute ist erst Donnerstag – der 4. Schultag!

Nun ist Mittwoch, der 2.9.. Die Schule schloss heute um 11.20h ihre Pforten, doch auf der Straße tat sich eigentlich nichts Besonderes. Die Ankündigungen, dass Straßensperren aufgebaut würden, haben sich nicht bewahrheitet. Allerdings haben das „Four Seasons Hotel“ und das „Kempinski Hotel“ ihre Sicherheitsstandards schon in den letzten Tagen verschärft: Zäune sind errichtet worden und die Polizei ist präsent. Wir vermuten, dass Putin anreisen und dort residieren wird und die Sicherheitsmaßnahmen eben wegen prominenter Gäste anberaumt worden sind.

Weitere Maßnahmen, von denen mir meine Chinesischlehrerin berichtete, sind z.T. haarsträubend komisch; die Chinesen übertreiben ihren Darstellungskult bis ins Lächerliche – jedenfalls aus unserer Wahrnehmung:

z.B. werden in allen Büros, die im Einzugsbereich der Militärparade liegen, alle Messer und Scheren eingesammelt – es könnte ja jemand Messer werfen oder einen Angriff mit spitzen Scheren planen. In nur 3 Tagen würden die Schneidewerkzeuge wieder zurückgegeben. Ebenso sollen Fenster abgedunkelt und Türen verschlossen bleiben, d.h. dass wohl einige Menschen ihre Häuser morgen nicht verlassen dürfen, damit sie die Parade nicht stören. Die Angst vor Anschlägen und Scharfschützen ist wohl immens, aber diese Maßnahmen sind natürlich Quatsch, denn wer wollte, könnte sich sicherlich auf andere Art und Weise nähern.  Wir müssen wirklich lächeln, und ich bin froh, dass meine Chinesischlehrerin auch schmunzeln musste.

Und unsere Pläne, mit dem Fahrrad in Richtigung des Platzes des Himmlischen Friedens  zu fahren, können wir wohl begraben.  Es wird nicht die kleinste Möglichkeit geben, in die Nähe des Geschehens zu gelangen. Allerdings planen wir trotzdem einen Radausflug, wahrscheinlich in Richtung Norden zum Sommerpalast. Wir vermuten, dass die Straßen absolut leergefegt sein werden. Die Chinesen sollen nämlich ab ca. 7 Uhr morgens vor dem Fernseher sitzen, da das Vorprogramm zur Parade beginnt. Ab 10 Uhr wird dann die erstaunliche Parade mit 100ten von Fahrzeugen und 1000den von Soldaten und ca. 120 Flugzeugen live übertragen. Wir hoffen, dann allein auf der Straße zu sein – mal sehen. Interessant ist, dass tatsächlich viele Programme auf Kriegsfilme oder -Dokumentationen umgestellt haben. Wir haben etwas herum gezappt und konnten in einer Doku Film- und Fotomaterial sehen, dass in Europa nicht gezeigt, eben chinesisches und japanisches Material. Allerdings schien es uns, dass natürlich Europa der schwarze Peter zugeschoben wurde (nicht ganz zu unrecht, natürlich), aber die Verknüpfung von Tatsachen und der Opferhaltung Chinas, das Japan ausgeliefert war, erschien uns wenig objektiv. Kriegs- und Machtkult spielen eine große Rolle, um das Volk gleichermaßen einzuschüchtern als auch Stolz auf das Land zu vermitteln.

Früh morgens um 6.30h steht aber morgen noch eine Trainingstour mit dem Rad an – auch hier hoffen wir auf ganz leere Straßen. Letzten Sonntag schon gab es kaum Verkehr. Wir freuen uns und berichten bald wieder von hier – aus Beijing 2015. Ich fühle mich in diesen Tagen fast wie ein Reporter 🙂

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So idyllisch wie gestern früh war es selten am Wen Yu – Fluss. Sonst gibt es auch hier Gegenverkehr.

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Absolut Null Autos auf unserer Gongtibeilu! Das gab es noch nie! Links erkennt Ihr unseren Compound mit den gestreiften Gebäuden.

Nach unserer Trainingsradtour blieben wir natürlich zunächst zu hause, um die Parade im chinesischen Fernsehen zu verfolgen. Und wirklich alle Chinesen taten wohl dasselbe. Die Straßen waren ja verlassen, und wir sahen auch die Wanderarbeiter, die direkt unter unserem Fenster wohnen, wie sie sich einen Fernseher organisiert hatten. Hier wurde public viewing im Kleinen praktiziert:

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Wir waren von dem Spektakel beeindruckt: Die Präzision im Auftritt und die Uniformität der Soldaten/Soldatinnen, sowie der Fahr- und Flugzeuge ließen uns staunen (auch wenn Anlass und Aufwand zu kritisieren sind). Die Stadt präsentierte sich in vollem Glanz – das zeigten alle Bilder/Luftaufnahmen. Von unserem Fenster aus konnten wir sogar die Auftritte der Luftwaffe verfolgen (sie Foto unten).

Diese besonderen Tage haben wir natürlich sehr genossen: Arbeiten und Radfahren bei besten Luftwerten in einer z.T. leerfegten Stadt – herrlich! Ab Sonntag wird hier wieder normaler Arbeitsalltag herrschen, und wir werden uns dann auch wieder mit den Menschenmassen arrangieren (müssen).

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Aufnahme aus unserem Fenster: Die Jets flogen über den Platz des Himmlischen Friedens und sprühten farbige Kondensstreifen über Peking.

 

 

 

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Begegnungen in Shanghai

Vor Ende April war ich dienstlich ganz allein in Shanghai unterwegs, war an der Deutschen Schule am Shanghai Eurocampus eingeladen und habe mich dort mit der neuen Prozessbegleitung Ostasiens getroffen, um ihr meinen Job zur regionalen Fortbildung zu übergeben. Es war in diesem Jahr definitiv meine letzte Dienstreise – nach so vielen in diesem Jahr, die ich alle sehr genossen habe.

Stephan blieb in Beijing, wollte sich um ein paar Angelegenheiten der Ostasienspiele kümmern, die wir für Anfang Juni an unserer Schule organisieren (siehe Schulhomepage: www.dspeking.net.cn), und somit war ich – nach den Gesprächen am Eurocampus – auch mal wieder ganz allein und ganz chinesisch unterwegs. Es sollte ein Samstag nachmittag mit verschiedenen Begegnungen werden.

Mit Absicht spazierte ich in ein chinesisches Viertel, wollte Luft schnappen und geruhsam unterwegs sein, um die schulischen Gedanken los zu werden, und da die Luft diesig war, zog es mich auch gar nicht zum Bund, wo die glitzernden Hochhäuser Shanghais zu sehen sind. Ich wollte lieber mal wieder schauen, wie das Leben auf der Strasse sich so zutrug….ob es nicht etwas zu entdecken oder zu beobachten gab. Gleichzeitig hatte ich mir vorgenommen, meine Sprachkenntnisse auszuprobieren – wann sonst hab ich denn die Chance mal Chinesisch zu sprechen? Meist beschränkt sich meine Konversation auf meinen wöchentlichen Chinesischunterricht, den ich sehr genieße, aber die praktische Anwendung außerhalb dieser 90min fehlt einfach.

Also, tippelte ich zunächst in Richtung U-Bahnstation in der Nähe, wollte mich erkundigen, wie ich am folgenden Tag zum Flughafen kommen sollte, wie lange ich unterwegs sein würde, und außerdem wollte ich wissen, wie viel Geld noch auf meiner wieder aufladbaren Karte war, um vor dem Abflug nicht noch in Nöte zu kommen.

Nach einem Spaziergang lief ich die Treppen zum U-Bahnhof hinab und sah mich sogleich mit mehreren Maschinen konfrontiert, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen: Verkaufsmaschinen für Tickets und Geldwechselmaschinen, aber keine, die den Wert meiner Karte ablesen und weiteres Geld zum Wiederaufladen entgegen nehmen konnte. Also nahm ich mich erstmal dem U-Bahnplan an, um die Strecke auszukundschaften. Dass ich bereits an der richtigen Bahnlinie zum Flughafen war, wusste ich, doch unklar war mir, wie viele Stationen ich wohl noch fahren müsste. Lesen konnte ich den Plan leider nicht – alles auf Chinesisch…..nein, doch nicht. Aber die lateinischen Buchstaben waren komplett ausgeblichen, was so gut, wie denselben Effekt hatte: Ich konnte nix lesen! Also sprach ich eine Frau an, die mich auch sofort verstand, mir den Plan erläuterte und dann sogar ihren Bahnplan auf dem handy konsultierte, den ich auch lesen konnte – toll!  Ich blieb noch einen Moment, um meinen neuen Infos auf dem chinesischen Plan nach zu vollziehen und konnte mir dann auch ein paar Zeichen zusammenreimen. Das sollte kein Problem sein: 6 Stationen, ca. 30min Fahrzeit bis zum Flughafen.

Dann sprach ich ein junges (?) Mädchen/junge Frau an, um sie nach einem Automaten zu fragen, der mir Auskunft über den Wert auf meiner elektronischen Fahrkarte nennen konnte, aber sie schien mich nicht zu hören….ich sprach ein wenig lauter….nichts….ich tippte sie an die Schulter….sie wandte sich mir nicht zu, ging eher einen Schritt weiter. Ich war ganz verwundert, denn sie trug keine Ohrstöpsel, hörte also keine Musik. Die musste mich doch hören: Ich sprach lauter und bat erneut um Verzeihung und tippte sie abermals an die Schulter…….da dreht sie sich ab und lief schnellen Schrittes weg…….Das war mir nun wirklich noch nie passiert; sie hatte mich einfach stehen lassen, wahrscheinlich aus Angst Ausländisch/Englisch mit mir reden zu müssen. Jedenfalls blieb ich ziemlich verdattert stehen, blickte auf und sah, wie eine Angestellte, die den Scanner beim Zugang zu den Gleisen kontrollierte (da muss man seine Handtaschen durchleuchten lassen, bevor man die U-Bahn benützt), mich zu sich heran winkte. Sie fragte, ob SIE mir helfen könne….da wiederum war ich ganz perplex; wahrscheinlich hatte sie mit angesehen, wie wenig Resonanz auf meine Bemühungen erfolgt war, und sie schickte mich einfach eine Treppe hinab, wo ich das richtige Gerät fand und feststellte, dass ich noch genügend Geld für all meine geplanten Fahrten auf dem Ticket hatte. Hat also auch geklappt!

Ich wollte meinen Spaziergang dann wieder an der frischen Luft fortsetzen und verfranzte mich schon nach der ersten Abbiegung…..das sollte mir jedoch erst viel später auffallen. War aber auch kein Beinbruch, ich hatte schließlich Zeit und konnte auch auf einem Umweg zum Tempel kommen, den ich mir mitten der Stadt, zwischen all den schicken Malls anschauen wollte. Allerdings kam ich doch recht weit von der Strecke ab, sodass ich doch auf die Bahn umstieg, um 2 Stationen zu fahren. Völlig abgelenkt, oder auch völlig müde, wie ich war, stieg ich aber schon an der nächsten Station aus und fragte nach dem Weg – allerdings war ich in der Annahme, dass ich korrekt ausgestiegen war. Der erste chinesische Helfer ließ mich auflaufen und raunzte mir im Vorbeigehen eine absurd falsche Antwort entgegen, sodass ich ihm sogar hinterher rief, dass sein Antwort die falsche war. Wie gern hätte ich chinesisch geflucht, aber meine Chinesischlehrerin bringt mir niemals Schimpfwörter bei: Sehr schade!

Zwei Männer wiederum waren hilfsbereit und so geduldig mir zu erklären, dass ich eine Station zu früh ausgestiegen war…..und ich hab alles verstanden, was sie mir sagten: Großartig! Ich flitzte wieder die Treppe hinab und nahm die nächste Bahn, um eben noch jene eine Station weiter zu fahren, lief zum Tempel und betrachtete aus der Ferne die geschwungenen Dächer, die so typisch chinesisch sind, neben all den glitzernden Hochhäusern der Haupteinkaufszone Shanghais. Das sind wirklich immer wieder Momente der absoluten Gegensätze, derer ich mich immer wieder erfreuen kann oder über die ich schmunzeln oder staunen muss. Das ist China heute: Ein kontrastreicheres Land kann ich mir kaum vorstellen.

Fazit dieses Tages war aber für mich ganz persönlich, dass ich inzwischen doch ein bisschen mehr als nur ein paar Brocken sprechen kann. Dass ich fast von einem Sprachgefühl sprechen kann, dass mich nun ab und zu mal überkommt und ich dann mit stolzgeschwellter Brust aus der Situation gehe und mich einfach daran freuen kann, etwas verstanden zu haben oder mich mitgeteilt zu haben. Schade nur, dass diese Momente so selten sind. Schade, dass die vielen tausend Schriftzeichen immer noch ein Buch mit 7 Siegeln sind….und leider ist es auch ein Fakt, dass ich die nicht mehr alle werde lernen können. Doch….und das ist hiermit ein halb-öffentliches Versprechen, werde ich im nächsten Schuljahr nochmals versuchen, die 600 Zeichen für die HSK-Stufe 3 zu lernen (das ist ein anerkanntes Sprachenzertifikat). Uiuiui……mal sehen, ob ich das wirklich packe. Das haben schon einige Kollegen geschafft, also ist das durchaus machbar. Ist nur eine Frage des Willens….

Nächste Woche habe ich auch wieder Chinesischunterricht: Denkt mal dienstags an mich, wenn ich von 18-19.30h mit meiner „lao shi“ (gesprochen:Lau-sche) spreche. Ich werde ihr eine Dokumentation von N3 zeigen; dort gab es vor kurzem eine Reportage über chinesische Touristen in Deutschland, und wie sich ihre chinesischen Reiseführer in D schulen lassen, um sie in nur 8 Tagen durch 5 Länder zu lotsen bzw. beim Shopping zu unterstützen. Wird ihr sicher Spaß machen – ich werde übersetzen und sie wird mich Löcher in den Bauch fragen 🙂

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