Lao Long Tou – Alter Drachenkopf

Ich hatte mir schon Ende letzten Schuljahres vorgenommen, mal wieder mehr in die chinesische Kultur einzutauchen. Es sollte ein Wochenende mit neuen Entdeckungen werden oder Erfahrungen, die ich längst schon gemacht hatte, wieder neu zu erleben. Oftmals bleibe ich in Mustern verhaftet, in einer Routine – die ja auch wichtig ist – aber denn vergesse ich, das Andere wahrzunehmen. So geht es mir inzwischen manchmal in Peking – nach 5 Jahren ist nichts mehr ganz neu; scheinbar habe ich schon alles entdeckt (stimmt natürlich nicht im Entferntesten), aber ich mache mich auch nicht mehr so oft auf, etwas Neues zu erobern….dabei hat der Stadtplan noch viele weiße Flecken.

Ich hatte mir bereits ein Ziel ausgesucht, um ein chinesisches Wochenende zu erleben. Südwestlich von Peking gibt es das kleine Städtchen, Pingyao, das eine wunderschöne chinesische Altstadt beherbergen soll. Almut und ich wollten gemeinsam fahren, hatten uns schon im August für ein Wochenende im September entschieden und wollten voller Tatendrang einen Nachtzug für einen Freitag einen buchen, der uns zur Frühstückszeit in Pingyao absetzen würde. Aber dann kam der Fahrplanwechsel (wird ja auch in Deutschland jedes Jahr erwartete und führt zu Änderungen – so auch hier!), und wir konnten keine für uns passende Verbindung mehr finden – auch die Reisebüros konnten uns da nicht weiterhelfen. Spontan schlug ich vor stattdessen ans Meer zu fahren. Schon längst wollte ich mir anschauen, wo die Große Mauer im Meer beginnt, und irgendwo, in einer Schublade schlummerte doch noch eine Hotelempfehlung von Frau Schulze-Permentier. Ich habe den Merkzettel tatsächlich gefunden; er hatte unseren Umzug überlebt; ich hatte damals nicht nur das Hotel, sondern auch Zugverbindungen notiert, die den Fahrplanwechsel besser überlebt hatten. Also buchten wir einen Schnellzug ab Beijing Zhan (Hauptbahnhof) nach Qinhunagdao am Bo Hai (der innere Golf des Gelben Meeres, welches von Nord/Ostchina und Korea umgeben ist).

Das Hotel, ein Holiday Inn (ein bisschen westliches Ambiente gab es also doch!), liegt direkt am Strand, und wir machten abends nach unserer Ankunft gleich noch einen kleinen Spaziergang. Am Morgen stellte sich beim Joggen heraus, dass der Strandabschnitt etwa 1 km lang war und ein Pier mit Leuchtturm noch etwa 200m ins Meer ragte. Für die Begehung desselben musste man allerdings am Kassenhäuschen 2 Yuan bezahlen (ca. 35 Cent) – Kurtaxe eben!

Das Frühstück war vielfältig (westlich und chinesisch), und wir labten uns gute 1,5 Stunden, bevor unser Ausflug mit dem Taxi zum Mauerabschnitt nach Shanhaiguan begann. Ca. 20 min Fahrt über leere Vorstadt- und Küstenstraßen, die von etlichen Hochhausblöcken und Hafengebäuden gesäumt waren, waren weder architektonisch noch landschaftlich schön, trafen aber unsere chinesischen Vorstellungen. Auf das kulturelle Highlight wurde aber schon frühzeitig mit Schildern hingewiesen, und wir wurden an einem großen Parkplatz abgesetzt, der, Gott sei Dank, nicht mit Touristenbussen vollgeparkt war. Es blieb sehr überschaubar, denn eben dieses Wochenende lag vor den chinesischen Nationalfeiertagen – viele Chinesen mussten (vor-)arbeiten.

Der Anblick des restaurierten Mauerrestes war nicht s e h r spektakulär, aber sehenswert. Schon am Meer sollten die Manschuren von einem scheußlichen Drachenkopf, der der Mauer aufgesetzt war, abgeschreckt werden. Offensichtlich waren weder Chinesen noch Manschuren oder andere Völker geübte Seefahrer – zu leicht wäre eine Umschiffung eigentlich gewesen, so dachten jedenfalls Almut und ich als wir die Mauer ins Meer ragen sahen. Es war sicherlich kein Bollwerk gegen Piraten, sondern eher gegen Ruderboote 🙂

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Der Besuch des Pavillons der Meeresgöttinnen sprach uns natürlich auch an, allerdings meinte es der chinesische Poseidon zu gut mit uns, lud uns auf seine Weise ein, bedeutete: Wir wurden pitschnass. Hatten allerdings auch anderen viel (Schaden-)Freude bereitet. Ein Chinese zeigt mir stolz seine Aufnahme, wie Almut und ich von der aufspritzenden Gischt überrascht wurden. Leider hatte er kein WeChat und war nicht in der Lage mir das Bild zu schicken – das wäre ein sensationelles Mitbringsel gewesen.

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Die Erfrischung heizte unseren Tatendrang nur noch weiter an, sodass wir auch noch die Altstadt von Shanhaiguan besichtigen wollten. Wir wurden mit leeren Straßen und Mauerabschnitten belohnt; allerdings gefiel uns dieser touristische hergerichtet Teil weniger, denn es spielte sich dort kein echtes Leben mehr ab. Geschäfte und Kleinstmuseen waren nur auf das Geschäft mit den Touristen ausgerichtet – lediglich die Obstverkäufer waren „echt“, lebten aber offensichtlich auch nicht in diesem Teil der Stadt. Dennoch – die Mauer war beeindruckend hoch und begehbar.

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Und auch der Platz vor dem Haupttor war beeindruckend groß. Wenngleich es etwas romantisch klingt, genauso stellte ich mir eine chinesische Altstadt mit Zugang zur Mauer vor. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie auf dem Platz exerziert wurde, wie Massen an Soldaten die Mauer schützen und hier zum Appell antraten. Die Bilder in meinem Kopf sahen genauso aus:

Den Abend ließen wir am Strand ausklingen; wir aßen Gemüse und ein paar Garnelen, die hoffentlich fangfrisch waren. In der Tat gab es überall Angebote, um Fisch und anderes Meeresgetier frisch aus dem Aquarium ausgesucht, zu essen. Uns gefiel es schon allein deshalb, weil wir am Strand sitzen und dem Meeresrauschen zuhören konnten. Gibt´s in Peking einfach nicht!

Sonntag war zwar unser Abreisetag, aber wir hatten genügend Zeit mit dem Taxi in die andere Richtung zu fahren und den mondänen Badeort Beidahe zu erkunden. Unsere 4.-Klässler fahren jedes Jahr auf Klassenfahrt hierher und wohnen nah am Strand in Gruppenunterkünften, die früher der Partei oder eben Parteijugendgruppen gehörten. Mich erinnerten die Kiefern am Strand und Straßenrand sehr an Reiseziele im früheren Jugoslawien, wo Jugendgruppen aus dem Landesinneren ans Meer geschickt wurden (oberhalb von unserem Badestrand in Rijeka gab es ein solches Haus. Jedes Jahr kamen Kinder aus Zagreb, mit denen wir am Strand spielten). Und in Smokvica wohnten wir neben Titos Feriendomizil, das eben mit solchen Kiefern bepflanzt und von sandigem Boden umgeben war. Mondän ist der Ort heute nicht mehr, aber der Hauch on Exklusivität liegt über den Touristen-/Einkaufsläden, die sich offensichtlich am russischen Klientel orientieren. Überall gab es Hinweisschilder und Menükarten in Russisch!

Wir genossen natürlich wieder den Strand. Einige Abschnitte sind kostenpflichtig (Hauptstrand), andere sind frei begehbar und man kann überall baden. Die Chinesen erfreuen sich ebenfalls daran, allerdings erscheint diese Aktivität ihnen eher neu zu sein, so kindlich ist ihre Freude dabei.

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Wir beobachteten auch an unserem Hotelstrand, dass Roboter, Strandfahrzeuge und Ramschartikel sich größerer Beliebtheit erfreuen als Barfußlaufen oder Sandburgenbauen…. Es schien uns, als ob Freizeitverhalten etwas ist, was den Chinesen noch fremd ist. Familien kümmern sich mit Hingabe um den Nachwuchs (vor allem die Großeltern), und der Strandausflug ist explizit ein Familienerlebnis, doch können die Kinder nicht oder dürfen nicht alleine spielen. Sich selbst zu beschäftigen ist nicht möglich, da ständig Erwachsene um sie herumwuseln und sie be-spielen. Das ist allerdings eine Entwicklung, die man auch bei Helikoptereltern in westlicher Ausprägung kennt.

Almut und ich haben den Ausflug, der Sonntag Abend um ca. 18 Uhr wieder in Peking endete, sehr genossen. Tapetenwechsel und auch die Augen mal wieder offen zu halten, hat uns viel Spaß gemacht. Ein kleiner Einblick in chinesische Geschichte, chinesisches Strandvergnügen, Kindererziehung oder einfach das Sich-Bewegen in chinesischem Ambiente hat mir mal wieder den Blick geschärft anderes wahrzunehmen. Und ich hoffe, dass ich mir diese Neugier nie abhanden kommen wird.

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