Unser 6. Jahr beginnt…

mit dem beruhigendem Gefühl, nicht umziehen zu müssen. Völlig gelassen und entspannt können Stephan und ich uns darauf verlassen, dass unsere Ayi die Wohnung frisch gereinigt hat, frisches Obst im Kühlschrank zu finden sein wird, und das Kühlfach wird mit selbst gemachten Teigtaschen (jaozi) gefüllt sein. Ich hatte ihr eine Woche zuvor eine Sprachnachricht auf WeChat (dem bekanntesten chinesischen sozialen Medium, das Kurznachrichten übermittelt) zukommen lassen, wann wir genau wiederkommen würden. Somit wird es ein angenehmes Ankommen werden – hoffe ich, denn ich sitze im Flieger nach Beijing, überbrücke die Stunden, indem ich Euch allen endlich wieder etwas zu lesen zukommen lasse. Zuletzt war es doch etwas weniger geworden……Zum Einen, weil ich mit meinem PQM-Job doch ein bisschen `was in der Schule zu tun hatte, zum Anderen, weil mich schon ab und zu der Gedanke beschlich, vielleicht nichts Neues mehr schreiben zu können. Nach 5 Jahren ist doch alles etwas abgedroschen, Ihr kennt Euch vielleicht alle schon in unserem chinesischen Alltag aus. Oder mir erschien es selbst, als ob es nichts wirklich Neues mehr gab, über was es sich zu berichten lohnte …???

Tatsächlich habe ich aber immer wieder zwischendurch eine Idee, über die ich berichten müsste. Und offene Baustellen (z.B. unsere Umzug im letzten Sommer) gibt es ja auch noch:

Im letzten Sommer hatten wir dann tatsächlich am letzten Tag vor dem Abflug noch unsere Miete für die kommenden 6 Monate überwiesen (für die neue Wohnung wohlgemerkt; die alte Wohnung ist für über 1,2 Mio Euro verkauft worden). Die neuen Vermieter, deren Wohnung nur einen Steinwurf von unserer alten entfernt ist – nämlich genau zwei Hochhäuser weiter, in demselben Wohnkomplex, wollten auf Nummer sicher gehen, dass wir auch seriös genug sind. Nur kam die Überweisung nicht an, da die Angaben zum Kontoinhaber nicht korrekt waren….. Also war es dann doch in Ordnung erst im August, nach unserer Ankunft die Miete zu überweisen. Die Bank versicherte uns, dass die nicht unerhebliche Summe wieder zurück auf unserem Konto überwiesen würde (war sie auch; auf die Banken ist echt Verlass!)

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Unser Wohn- und Essbereich

Wir hatten bis zum letzten Schultag unser Hab und Gut in Kisten verpackt, und die gute Fee – unsere Ayi – versprach, schon Einiges in den Ferien mit einem Wägelchen in die neue Wohnung zu karren. Erstaunt stellten wir bei unserer Ankunft fest, dass nur noch unser rotes Ikea Regal und zwei, drei Kleinigkeiten zu schleppen waren. Unsere Ayi kam mit ihrer Schweigertochter und Enkelsohn, um die paar Habseligkeiten für uns in die neue Wohnung zu bewegen – und das war´s! Wir hatten kaum einen Finger selbst gerührt. Außerdem standen die Pflanzen schon am Fenster, einiges hatte die Ayi schon in die Schränke geräumt, wir fühlten uns gleich wie zu hause. Toll! So bequem, so angenehm für uns. Die Ayi ist ein Schatz!

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Blick gen Westen bei Tag….im Hintergrund die Westberge!

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Dieses Jahr vor den Sommerferien machte unsere Maklerin noch einen Nachmittagstermin mit uns aus, an dem wir zu hause sein sollten. Die neue Wohnung war nun im Begriff verkauft zu werden, aber wir brauchten uns keine Sorgen zu machen, denn wir würden als Mieter praktisch mit verkauft werden. Unser Mietvertrag sollte, wie abgesprochen, noch ein weiteres Jahr Gültigkeit haben. Doch die neuen Besitzer würden die Wohnung gern mal ansehen, hatten sie diese doch vom Reißbrett gekauft. Das Ehepaar machte einen sehr netten, zugewandten, gepflegten, aber nicht neureichen Eindruck. Sie mochten wohl Anfang vierzig sein, haben ein Kind und haben sich mit dem Kauf sicher bis über beide Ohren verschuldet – die Wohnung wurde für eine Million Euro verkauft…. ein tatsächlich nicht zu hoher Preis. Gerade wird für jedes abgewetzte Apartment derselbe, dann aber überhöhte Preis, verlangt. Aber der Bedarf ist offensichtlich da, z.B. aus folgendem Grund:

Unsere neuen Besitzer haben eine Wohnung speziell in unserem Viertel ausgesucht. Nicht weil es so zentral gelegen oder modern und nah zum hippen Einkaufsviertel „Sanlitun“ liegt, sondern weil sie ihr Kind auf eine Schule mit besonders gutem Ruf in Peking schicken wollen. Diese Schule liegt in unserem Viertel. Und da die Eltern für eine gute Ausbildung ihrer Kinder einfach alles tun, verschulden sie sich hoch. Das kurbelt den Wohnungsbau weiter an, lässt Immobilienpreise eben doch nicht sinken (auch zu unserem Leidwesen), erhöht aber natürlich auch den Leistungsdruck auf die Kinder, die die Ehre der Familie erhalten oder steigern wollen/müssen, erhöht damit aber auch die Chance auf eine Universität der eigenen Wahl zu gehen – kurz: Die Weichen für eine hoffentlich besonders aussichtsreiche Zukunft der Kinder werden gestellt.

Für uns zunächst unverständlich war der damit verbundene Wohnungskauf, denn in Deutschland reicht ein zweiter Wohnsitz oder eben ein Wohnsitz überhaupt – kann auch zur Miete sein. In China reicht das nicht aus.

Der Staat hat schon vor langer Zeit ein System erdacht, die Menschen an ihren Geburtsort zu binden, um unkontrollierten Völkerwanderungen vorzubeugen. Jeder Chinese erhält durch seine Geburt eine Art Personalausweis für´s Leben (rukou), der ihn und die Familie an einen Ort bindet. Möchte man woanders sein Glück versuchen, ist das nicht ohne Weiteres möglich. Die vielen Wanderarbeiter vom Land verdingen sich in den Großstädten, können aber z.B. ihre Kinder nicht mitnehmen, da diese nur „zu hause“ (am Geburtsort) zur Schule gehen dürfen.

Wenn geheiratet oder ein Kind am neuen Wohnort geboren wird, müssen Papiere aus der Heimatstadt besorgt werden. Kollegen an der Schule, die chinesisch verheiratet sind, erzählen von Mammutunternehmungen, wenn Papiere zur Hochzeit oder Kindstaufe aus abgelegenen Provinzen herbeigeschafft werden müssen, um sich selbst, die Ehefrau oder das Kind zu legalisieren. Lange Zugfahrten, eingeschränkte Öffnungszeiten, weitere fehlende Bürgschaften…..jede Menge Papierkram, der erledigt werden muss.

Das Ehepaar freut sich darauf, dass ihr Kind dann bald auf die neue Schule gehen kann; ob das schon jetzt ab August passiert, wenn die Kaufangelegenheiten abgeschlossen sein werden, wissen wir nicht. Auf jeden Fall haben wir die Eltern eingeladen, uns nochmals besuchen zu kommen, wenn unser Auszug Ende Juni 2017 naht. Sie hatten nämlich schon jetzt ihren Zollstock dabei, um die echten Maße aufzunehmen, um Umbauten oder Möbelkauf zu planen. Sie wollten uns ungern nochmals stören…. Da ist sie wieder die chinesische Zurückhaltung, wenn es um die privaten vier Wände geht. Sie wollen uns nicht stören, weil es ihnen selbst unangenehm ist, Besuch zu empfangen. Dass man sich gern Gäste oder Freunde ins Haus einlädt, ist hier in China eher unbekannt. Zu klein, zu schäbig, zu wenig vorzeigbar sind die Wohnungen….vermuten wir. Tatsächlich haben wir noch keine Einladung in ein chinesisches Zuhause erhalten. Es wäre zu schön, diese Gelegenheit zu bekommen. – Chinesen treffen sich lieber draußen vor dem Haus, im Park oder öffentlichen Plätzen, gehen am liebsten Essen, um Freunde und Gäste zu beeindrucken, indem sie die Rechnung bezahlen. Nicht einmal meine langjährige Chinesischlehrerin mag mir ihre kleine Wohnung zeigen. Dafür hat sie mich aber an ihren Arbeitsplatz in einer Universität mitgenommen. Sie ist für die Organisation des Chinesischunterrichts für Ausländer verantwortlich und hat sogar einen Büroplatz, den sie sich mit zwei Mitarbeitern teilt. Winzig, etwas heruntergekommen, aber immerhin ein Arbeitsplatz mit Rückzugsmöglichkeit an einer sonst belebten Uni.

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Büro in der Uni

Schwerpunkt der Uni ist das Studium von Kunst und Design, sodass überall Ausstellungstücke aus ganz unterschiedlichen Bereichen zu sehen waren: Schmuckherstellung, Klamottendesign, … Ich konnte auch einen Blick in die Werkstätten werfen, die modern erschienen und vor allem genügend Raum für kleinere Arbeitsgruppen boten. Highlight für mich war dann aber der Mensabesuch:

Insgesamt erstreckte sich das Essensangebot über zwei Etagen. Im Erdgeschoss gab es sicherlich acht verschiedene Essensausgaben: Kalte Speisen, scharfe Suppen, Gemüsiges, viel Fleischiges, unterschiedlich regionales Essen. Ich probierte vier oder fünf verschiedene kleine Tellerchen, darunter ein Kartoffelsalat mit Ananas. Unsere beiden Tabletts kosteten kaum 3 Euro zusammen. Eine Schale Reis kostet nur wenige Cents – das Essen wird von der Regierung bezuschusst.

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Im oberen Geschoss boten kleine fastfood-ähnliche Stände frisch Frittiertes, vietnamesisch Gebratenes, Sushi oder Gebackenes an. Außerdem gab es eine muslimische Essensecke (!) und ein gehobenes Restaurant. Welch schmackhafte Vielfalt! Trotzdem konnte ich natürlich etliche Studenten sehen, die sich Essen von außerhalb der Unitore holten. Sie trugen Suppen oder andere Gerichte in Tüten bei sich. Es schmeckt eben doch immer „das Andere“ besser als die tägliche Auswahl.

Was gibt es in der Mensa der DSP zu essen? Höre ich Euch fragen?

Das Angebot umfasst immer drei bis vier Gerichte, davon immer eines aus der deutschen Küche, eines aus der chinesischen. Salat, belegte Baguettes und Suppe vervollständigen das Angebot. Die Qualität schwankt….oft ist das chinesische Essen richtig lecker, aber wenn es z.B. Milchreis gibt, fliegen sogar die Schüler darauf. Manchmal geht es bei uns einfach wahnsinnig deutsch zu. Freitags gibt´s z.B. immer Fisch !

 

Kleiner Nachtrag von heute, Sonntag, den 14.8.2016:

Stephan und ich konnten bereits die leckeren, neu hergestellten Jiaozi unserer Ayi probieren; wir sind zurück in Beijing, und fühlen uns gleich wieder wohl. Ich hatte dieses Mal einen recht melancholischen Abschied von Deutschland. Den Urlaub an der frischen Luft, mit den vielen Radtouren und Sportmöglichkeiten, den lieben Freunden (!!!) wollte ich nur ungern enden lassen. Doch kaum hier angekommen, spürte ich wieder ein Wohlgefühl angesichts der chinesischen Exotik, unser eigenen 4 Wände, der frisch renovierten Schule, dem ganz anderen Großstadtleben. Wir haben eben doch mehr als nur einen Wohlfühltort.

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