Endlich Tria(thlon) in China

Nachdem die Chinesen – und hier bin ich mal ein bisschen ironisch –, sich an europäischer Mode und Kultur erfreuen, außerdem einen Tourismusboom in Europa erzeugt und französische Weingüter gekauft, sowie die Beton- und Robotikindustrie ein wenig das Fürchten gelehrt haben, wenden Sie sich auch dem Sport zu.

Natürlich läuft die Planung für die olympischen Winterspiele 2022 längst auf Hochtouren: Skigebiete werden seit zwei Jahren ausgebaut und auch an das Schienennetz angeschlossen. Und Schneesportarten sollen Einzug in den Schulsport erhalten, damit noch junge Talente gesichtet werden können.

Und nun (in 2016) hat das erfolgreiche Baukonsortium, WANDA, die Ironman-Marke aufgekauft. Somit hat der reichste Mann Chinas, nämlich der WANDA- Vorstandsvorsitzende entschieden, dass nun auch Ironman-Wettkämpfe in China stattfinden. In 2016 waren es bereits zwei Wettkämpfe der 70.3-Serie (Halb-Ironman-Distanz), weitere sind für 2017 geplant (leider auch schon verschoben, aber dazu später).

Stephan hat sich recht spät, nämlich erst Ende September dazu entschieden, eben an jenem allerersten Wettkampf in Hefei (nahe Shanghai) noch im Oktober teilzunehmen und eine Halbdistanz zu absolvieren, d.h. 1,9 km Schwimmen, gefolgt von 90 km Radstrecke und 21 km Laufen. Seine Form war ganz gut – wir waren 2016 viel mit dem Rad unterwegs, und durch die Laufstrecke müsse er sich sowieso durchbeißen…

Und nachdem ein Bekannter von unserer lieblings-Trainingsinsel, Lanzarote, sich bei uns meldete, war kein Halten mehr: Endlich mal wieder Sport auf hohem Niveau, endlich mal wieder ein richtig wichtiger Wettkampf (mit dem kleinen Fernziel, vielleicht doch nochmal eine Qualifikation für eine 70.3-Weltmeisterschaft oder gar Kona/Hawaii zu erreichen). Die Motivation stieg, nachdem der Bekannte, René, auch noch einen anschließenden Besuch bei uns ankündigte. Wir freuten uns auf ein tolles Sportwochenende, welches aber noch einiger Planung bedurfte: Wie kommen wir hin (1200km mit Radtransport)? Neuer Radkoffer, ja oder nein? Bei wem buchen wir die Übernachtung? Gibt es ein Paket für Teilnehmer zu buchen, inklusive aller Kosten?

Gut, dass wir längst nicht die einzigen Triathlonverrückten in China sind….Unsere Bekannte aus Guangzhou, die jedes Jahr zum Peking-Tria anreist, hatte sich bereist angemeldet und konnte gute Tipps und Ansprechpartner nennen – flugs war unser Paket mit Hotelaufenthalt gebucht. Und die Ansprechpartnerin vor Ort organisierte auch eine Abholung, als klar war, dass wir mit dem Zug anreisen würden……doch was tun mit dem Rad?

In Deutschland kann ja selbst sperriges Gepäck mit der Bahn transportiert werden, nicht so in China – jedenfalls nicht in den Hochgeschwindigkeitszügen. Wir erkundigten uns mehrfach und über verschiedene, auch chinesische Kanäle, doch die Auskünfte waren unbefriedigend: Einmal gab es ein strenges Verbot, mehr als nur einen normalen Koffer pro Reisenden mitzunehmen. Das andere Mal hieß es, es sei davon abhängig, wie kulant der Zuständige bei der Einlasskontrolle sein würde. Das Risiko, das Rad dann aber nicht mitnehmen zu können, schien uns hoch – schließlich wäre Stephans Teilnahme gefährdet. Also schickten wir das Rad per Kurier! Kostete (zu)viel, und dann wurde es auch noch auf dem Dach eines Mini-Wägelchens abtransportiert, sodass Stephan nur froh war, dass es wenigstens oben festgebunden wurde. Aber sein Radkoffer erwartete uns schon im Sportlerhotel, als wir nach nur vierstündiger Bahnreise ankamen. Andere Sportler hatten ihr Rad aber doch im Zug mitgenommen; das haben wir am Bahnhof von Hefei schon gesehen, und ein chinesischer Triathlet aus Peking, der perfekt Englisch sprach, erklärte, dass es gar kein Problem sei. Etwa sechs Räder waren mit unserem Zug mitgenommen worden. Aber es hätte sicherlich chinesische Diskussionen gegeben, und dafür bin ich einfach immer noch nicht gewappnet (und werde es wohl in diesem Leben auch nicht mehr sein, schade, aber einfach nicht zu ändern!).

Die fünf nebeneinander stehenden Hotels der WANDA-Gruppe (WANDA-Novotel, WANDA-Pullmannhotel und andere) waren gerade erst eine Woche zuvor eröffnet worden. Alles war nigelnagelneu. Das große Einkaufszentrum, die WANDA-Mall, die zu dem neu gebauten Stadtviertel gehörte, mit Vergnügungspark und Wohnobjekten, sollte als Zielkulisse für den Wettkampf dienen.

Den nächsten Tag verbrachten wir zusammen mit unserer Bekannten, Katrin, damit, alle Wechselzonen (die 30km auseinander lagen !!!) aufzusuchen, anzuschauen und das entsprechende Material dort abzulegen. Füße hochlegen und für den Wettkampf schonen, war nicht drin. Die beiden mussten (mit mir) etliche Kilometer latschen – obwohl wir einen toll organisierten Shuttleservice zwischen der Radwechsel- und Laufwechselzone nutzen konnten.

 

Toll, dass auch am nächsten Tag alles wohlorganisiert war. Alle 1600 Teilnehmer sind mit genügend Zeitpuffer an den Start transportiert worden; eine chinesisch-englische Startzeremonie wurde dem Start vorgeschaltet, und der „rolling start“, wobei alle 5 Sekunden nur drei bis fünf Starter gleichzeitig von einem Ponton ins Wasser springen konnten, funktionierte bestens. Stephan hatte Platz zum Schwimmen, und landete mit einer super Zeit recht weit vorn. Hier kommt er aus dem Wasser geklettert:

Mega-Wolkenkratzer im Hintergrund – der Start lag mitten in der Stadt! Es herrschte hohe Luftfeuchtigkeit, kein Smog!

 

Der See liegt mitten in der Stadt, und auch der Radkurs führte zunächst auf den Ausfallstraßen entlang, sodass auch die Einheimischen überall an der Strecke stehen konnten. Stephan und René berichteten, dass zahlreiche chinesische Tanz- und Musik- und Taiqigruppen den Weg säumten, sodass es auf der Strecke nicht langweilig wurde. Der aufkommende Gegenwind am Ende der Strecke tat ein Übriges gegen die Monotonie.

Während die Sportler auf dem Rad unterwegs waren, musste ich mit dem Shuttle zurück zur zweiten Wechselzone fahren, um sie dort alle wieder anzufeuern. Neben Stephan, René und Katrin, war auch…. aus Peking dabei.

Leider war mein Shuttlefahrer nicht instruiert, dass er irgendwann die Radstrecke kreuzen musste, somit waren alle Businsassen gezwungen irgendwo an der Strecke auszusteigen und sich die letzten 2km zu Fuß durchzuschlagen. Ohne Karte nicht ganz einfach, aber das Handy hilft ja – nur die Streckenposten mussten noch belatschert werden, dass man die Straßen queren könne, wenn keine Radfahrer in Sicht waren. Die Armen waren sehr darauf bedacht, ihre Anweisungen zu befolgen, die nun einmal hießen n i e m a n d e n durchzulassen. An einer Kreuzung gelang es mir dann doch, und gleich nahm ich noch eine junge Sportlerin aus Mainz unter meine Fittiche, die wirklich dringend in die Wechselzone musste, um als Staffelläuferin an den Start zu gehen. Sie war zusammen mit Greg Alexander (ein weltklasse Ironman-Athlet, der zu Werbezwecken eingeladen war) und einem chinesischen Radfahrer an den Start gegangen und hatte Angst, nicht pünktlich in der Wechselzone zu sein. Also joggten wir beide die letzten 2km – endlich hatte ich auch ein bisschen Bewegung.

Stephan und Katrin habe ich noch gut in der Wechselzone anfeuern können, René sah ich immerhin noch auf der Laufstrecke, und gemeinsam mit einigen chinesischen Streckenposten motovierte ich etliche Läufer, die den Kurs Richtung Ziel im Visier hatten. Ich war mal wieder hin und weg, Feuer und Flamme für diesen Sport, wenngleich ich doch einen Heidenrespekt vor diesen längeren Strecken habe.

Ich werde 2017 erstmals wieder eine olympische Distanz in Angriff nehmen und will mich vor allem läuferisch gut vorbereiten. Mal sehen, ob das gelingt.

Stephan ist wieder richtig angefixt! Nach seinem Zieleinlauf war er zwar kaputt und reif für eine Massage, aber in Gedanken spielte er wohl schon dort mit einem neuen Start bei einem weiteren Wettkampf.

Tolle Erinnerungsfotos! Stephan und ganz viele Mädels: natürlich ich und Katrin aus Guangzhou (nun auch Peking) und Corinna

 

 

 

 

 

 

 

Am Abend gingen wir alle zum „roll call“: Hier treffen sich alle gut platzierten Altersklassenathleten, um eventuell einen „Slot“ für die 70.3-Weltmeisterschaften im Folgejahr zu erhalten oder sogar einen Startplatz für Kona/Hawaii. Pro Altersklasse wird eine gewisse Anzahl an Plätzen vergeben – René hatte seinen heiß ersehnten Platz um nur 1.30min verpasst – sehr schade! Es herrschte eine gespannte, aufgeregte Stimmung…. viele waren angereist, um genau nun ihren Namen zu hören und sich per Kreditkartenbelastung den Startplatz zu sichern. Es war wirklich aufregend, tolle Atmosphäre, die auch von gegenseitigem Respekt für die Leistungen geprägt war.

Das Abschlussessen war leider wenig spektakulär; am Abend zuvor hatte der Veranstalter wohl schon sein Pulver verschossen; da hatte es ein exzellentes, nahrhaftes, gesundes und leckeres Buffet gegeben.

Die Abreise verlief ebenso reibungslos: Das Rad, das wir wieder per Kurier verschickten, wurde schon am folgenden Tag in Peking zu uns nach hause geliefert. Wir genossen die Rückfahrt in der luxuriösen 1. Klasse im Schnellzug, wo ich auch noch meine Klausuren korrigieren konnte.

Stephan und ich hatten wieder Blut geleckt, der Austausch mit den anderen Sportlern war so wohltuend, und der Besuch von René in der folgenden Woche hat uns allen dreien sehr viel Spaß gemacht. Wir haben gefachsimpelt, sind gemeinsam gelaufen, haben Stabi-Übungen gemacht, und wir haben ihn entweder auf Entdeckungstour geschickt oder haben ihm selbst Peking per Fahrrad gezeigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das nächste Tria-Abenteuer in China war in den letzten Monaten auch schon anvisiert, aber ist nun leider verschoben worden. Schade, denn Stephan hatte sich schon gefreut bereits im Mai 2017 den nächsten 70.3 zu absolvieren, aber der Wettkampf wurde auf September verlegt.

Ich hatte mich ebenso gefreut, Stephan durch den Wettkampf in neue chinesische Gefilde zu locken, denn wir hätten durch ein langes Wochenende im Mai auch gleich noch Entdeckertouren in der Provinz Yunnan dranhängen können.

Nun bleibt abzuwarten, was wir uns für Ende Mai vornehmen.

 

Wir wünschen Euch allen ein frohes, neues Jahr 2017! Bleibt vor allem gesund und sportlich, freut Euch an Euern Freundschaften und Familien und entdeckt auch in diesem Jahr etwas Neues, Schönes für Euch selbst.

 

Herzlichst, Eure Susanna und Stephan aus Beijing

 

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2 Kommentare zu Endlich Tria(thlon) in China

  1. Gisa sagt:

    Da habe ich doch zufällig deinen Blog entdeckt :-). Sehr schöner Bericht. Bald sehe ich es life und in Farbe. See you soon. 😉

  2. René sagt:

    den Artikel hatte ich ja noch gar nicht gelesen 🙂 Sehr schön – und 2017, wer hätte das gedacht -> wird es wohl eine Wiederholung geben !!!

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