Unser 5. Jahr in Peking…. (erneut aktualisiert: 4.9.2015)

beginnt mit aufregenden Tagen. Kaum zu glauben, aber dieses Land hält immer wieder Überraschungen bereit.

Zunächst sind wir gleich nach unserer Ankunft vor nur 12 Tagen umgezogen – nur etwa 200m weiter in den nächsten „tower“, aber packen mussten wir ja trotzdem. Ganz normal war der Umzug natürlich nicht; es gab wieder einmal chinesische Begegnungen und auch Annehmlichkeiten, die es wohl in dieser Form nicht in Deutschland gibt, sodass ich wohl einen eigenen Eintrag schreiben werde. Aber hier schonmal der neue Blick gen Westen über die Stadt bis hin zu den Westbergen; wir wohnen nun im 26. Stock 🙂

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Zurück zu unserem Einstieg: Die Vorbereitungswoche an der Schule verlief für uns „alte Hasen“ unaufgeregt, aber die eigentlich interessanten Themen sind natürlich wieder gesellschafts-politischer Art.

Die Stadt bereitet sich auf große Feierlichkeiten vor. Der Sieg im 2. Weltkrieg über Japan, der sich zum 70.Mal jährt, wird mit einer großen bis gigantischen Militärparade gefeiert werden. Jeden Tag erfahren wir Neuigkeiten darüber, welche Aktivitäten für den 3./4. September geplant sind.

In den Ferien wurde unsere Schule vom chinesischen Bildungsministerium angehalten, das Ende der Sommerferien einfach 3 Wochen nach hinten zu verschieben. Nur dem Verhandlungsgeschick unserer chinesischen Mitarbeiter der Verwaltung ist es zu verdanken, dass wir die Schule nun doch nur an zwei Tagen zwangsschließen müssen – so wie wohl die meisten Firmen, Büros und Fabriken. Gestern erfuhr ich von unserer Ayi, unserer Haushaltshilfe, dass auch keine Busse oder U-Bahnen fahren würden – in der ganzen Stadt mit ca. 20 Mio Einwohnern nicht. Autofahren ist auch schon seit 1 Woche nur eingeschränkt möglich; täglich dürfen sich nur die Hälfte der Autos auf den Straßen bewegen. Die Maßnahmen werden natürlich auch gerade deshalb vorgenommen, weil die Leichtathletik-WM zu besten Bedingungen (auch außerhalb des Vogelnestes) ablaufen sollen. Grndioses Wetter, tolle Luftwerte und deutlich weniger volle Straßen sorgen bei uns natürlich für beste Laune/, aber so ganz nebenbei: Wir haben seit Februar wirklich immens gutes Wetter, sodass Spiegelonline ja auch schon ewig nichts mehr zu berichten wusste. Kann also nicht nur an den besonderen Maßnahmen liegen /smiley/

Letzte Woche konnten Stephan und ich beobachten, dass der Zaun, der die beiden Fahrbahnrichtungen auf unserer 4-spurigen Verkehrsader voneinander trennt, letzte Woche sukzessive abgebaut wurde. Dies veranlasste sofort einige Autofahrer auf dieser Straßen zu wenden – bei laufendem Verkehr natürlich, aber größere Behinderungen sind bislang ausgeblieben. Nur fragten wir uns nach dem Bewegrund. Am Freitag Nachmittag sammelten sich dann hunderte Freiwillige an den Straßenrändern, aber es war noch nicht offensichtlich, mit welcher Aufgabe sie betraut werden sollten. Einige, wenige dieser Freiwilligen scheinen normaler Weise Ansprechpartner für die Nachbarschaft zu sein, doch zumeist sieht man sie nur zu zweit auf ihren Schemelchen sitzend und sich unterhaltend auf weitere Gesprächspartner zu warten. Sie tragen ein offizielles T-Shirt und eine rote Armbinde, die ihre Funktion erklärt.

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Diese Hundertschaften am Freitag trugen ebenfalls ein himmelblaues Shirt und eine rote Schirmmütze und sollten später die Fußgänger davon abhalten einem folgenden Spektakel zu nah zu kommen.

In unserem Haus gab es eine Ankündigung von „Aktivitäten“, die auf dem Gelände des großen Fußballstadions in unserer direkten Nachbarschaft stattfinden sollte. Was sollte das wohl sein? Keine Ahnung.

Erst großes Motorengeheul am Abend ließ uns vom Fernseher aufstehen und nach draußen blicken………….Panzer waren rund um das Stadion postiert und zur Abfahrt bereit. Also machten wir uns auf noch einen Spaziergang zu machen und mal zu schauen, was da passieren würde. Mir war nicht mulmig, und es war auch nicht unheimlich….doch ich erinnere mich, dass ich das letzte Mal Panzer als Kind in unserem kleinen Ummeln gesehen hatte, als die Briten auf Manöver waren. Damals war es aufregend, weil wir Schokolade und Kaugummi bekamen und auf den Panzer klettern durften. Der Anblick heute war unangenehm, da der Aufmarsch eine reine Machtdemonstration darstellt. Allein hier waren 40 Panzer in Position gebracht worden, die zur Probe zum Platz des himmlischen Friedens fuhren. Nächste Woche sollen es hunderte Fahrzeuge werden, die an der Parade teilnehmen.

Nach unserer samstäglichen Radtour erlebten wir weitere Proben und weitere Fahrzeuge: Neben Panzern fuhren nun auch Raketenabschussrampen auf – schön verkleidet im Tarngewandt.

Natürlich mussten auch alle Fahrzeuge wieder abtransportiert werden, sodass wir wegen der entsprechenden Straßensperren einen größeren Umweg über die Stadtautobahn fahren mussten (hier ist sonst kein Fahrradverkehr erlaubt), um zu unserem Wohnkomplex zu gelangen. Ja, es ist aufregend hier…..

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Stephan an der Straßensperre – im Hintergrund wird ein Panzer abtransportiert

 

(drei Tage später)

 

Nun heißt es, dass wir vielleicht sogar bereits am Mittwoch schließen müssen, oder nur bis 11.20h unterrichten werden – es ist weiterhin unklar. Aber die Ausfallstraße, an der unsere Schule liegt, soll wohl ab mittags gesperrt werden. Meine Chinesischlehrerin glaubt nicht, dass wir werden arbeiten können.

Weitere Details sind: Die Stadt wird bis in die Bartspitzen beleuchtet sein. Alle Lichter der Stadt werden wohl das letzte Quäntchen Strom aus den Anlagen ziehen, damit die Stadt hell erleuchtet sein wird. Wahrscheinlich soll das helle Licht ein Zeichen gegen den Krieg sein, denn auch uns ist vom Kriegsgeschehen in Deutschland bekannt, dass vor allem abends alles abgedunkelt werden musste, um nicht sich dem Gegner als potentielles Ziel zu zeigen.

Am Platz des himmlischen Friedens sind seit etwa 2 Wochen große Tribünen und überdimensionale Bildschirme aufgebaut, wie auch die Jahreszahlen 1945-2015 eingefasst in eine comic-kitschige Große Mauer.

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Tribünen für die Kadermitglieder

 

Themenwechsel:

Ja, bei der Leichtathletik WM sind wir natürlich auch schon gewesen. Tolles, internationales Spektakel – kaum Kontrollen, ruhiger Ablauf. Nachdem wir gesehen hatten wir scharf chinesische Passanten von Wachen/Polizei angepfiffen werden, nur um den Panzern nicht zu nahe zu kommen, waren wir bei den Sicherheitsmaßnahmen zur WM sehr positiv überrascht: keine Schikanen. Kurze, knappe Kontrolle per Scanner und schon konnte man sich auf dem Gelände des Vogelnestes frei bewegen. Hier haben die Chinesen sicherlich viel dazugelernt. Leider wird dem eigenen Volk noch misstraut, herrscht Angst, dass die Massen aufbegehren könnten, so vermute ich. Aber das Sportfest wieder einmal zu erleben (nach Berlin 2009) ist großartig. Die internationale, friedliche Stimmung, das Feiern der sportlichen Leistungen (sicherlich mit Unterstützung von Doping, aber darüber will ich mich hier nicht auslassen) sind Grund genug, um ein Mal ins Stadion zu gehen. Die Chinesen, zwar oft wenig sachkundig, lassen sich mitreißen. Stephan und ich freuen uns auf einen weiteren Besuch im Stadion am Samstag, den 29.8..

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IMG_9186Weitere WM-Atmosphäre konnten wir heute auf Einladung der deutschen Botschaft schnuppern: Unser OAS-Team wurde zum Empfang der deutschen Leichtathletik- Nationalmannschaft dazu geladen, und die Schüler und wir konnten die Sportler und Medaillengewinner treffen. Lockere, kontaktfreudige Sportler gingen aktiv auf die Schüler zu, unterschrieben auf ihren Shirts und standen Rede und Antwort. Wir Lehrer sprachen mit dem Chef-Trainer und Sportdirektor – auch ein Erlebnis und Einblick in die Welt der Profis.

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Nationalmannschaft in rot; unser OAS-Team in blau im Garten der Botschaft

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Die Kugelstoßerin,Gong, trainiert oft in D und spricht auch ein bisschen Deutsch. Sehr nette Begegnung!

Wow, was für ein Einstieg in das neue Schuljahr. Heute ist erst Donnerstag – der 4. Schultag!

Nun ist Mittwoch, der 2.9.. Die Schule schloss heute um 11.20h ihre Pforten, doch auf der Straße tat sich eigentlich nichts Besonderes. Die Ankündigungen, dass Straßensperren aufgebaut würden, haben sich nicht bewahrheitet. Allerdings haben das „Four Seasons Hotel“ und das „Kempinski Hotel“ ihre Sicherheitsstandards schon in den letzten Tagen verschärft: Zäune sind errichtet worden und die Polizei ist präsent. Wir vermuten, dass Putin anreisen und dort residieren wird und die Sicherheitsmaßnahmen eben wegen prominenter Gäste anberaumt worden sind.

Weitere Maßnahmen, von denen mir meine Chinesischlehrerin berichtete, sind z.T. haarsträubend komisch; die Chinesen übertreiben ihren Darstellungskult bis ins Lächerliche – jedenfalls aus unserer Wahrnehmung:

z.B. werden in allen Büros, die im Einzugsbereich der Militärparade liegen, alle Messer und Scheren eingesammelt – es könnte ja jemand Messer werfen oder einen Angriff mit spitzen Scheren planen. In nur 3 Tagen würden die Schneidewerkzeuge wieder zurückgegeben. Ebenso sollen Fenster abgedunkelt und Türen verschlossen bleiben, d.h. dass wohl einige Menschen ihre Häuser morgen nicht verlassen dürfen, damit sie die Parade nicht stören. Die Angst vor Anschlägen und Scharfschützen ist wohl immens, aber diese Maßnahmen sind natürlich Quatsch, denn wer wollte, könnte sich sicherlich auf andere Art und Weise nähern.  Wir müssen wirklich lächeln, und ich bin froh, dass meine Chinesischlehrerin auch schmunzeln musste.

Und unsere Pläne, mit dem Fahrrad in Richtigung des Platzes des Himmlischen Friedens  zu fahren, können wir wohl begraben.  Es wird nicht die kleinste Möglichkeit geben, in die Nähe des Geschehens zu gelangen. Allerdings planen wir trotzdem einen Radausflug, wahrscheinlich in Richtung Norden zum Sommerpalast. Wir vermuten, dass die Straßen absolut leergefegt sein werden. Die Chinesen sollen nämlich ab ca. 7 Uhr morgens vor dem Fernseher sitzen, da das Vorprogramm zur Parade beginnt. Ab 10 Uhr wird dann die erstaunliche Parade mit 100ten von Fahrzeugen und 1000den von Soldaten und ca. 120 Flugzeugen live übertragen. Wir hoffen, dann allein auf der Straße zu sein – mal sehen. Interessant ist, dass tatsächlich viele Programme auf Kriegsfilme oder -Dokumentationen umgestellt haben. Wir haben etwas herum gezappt und konnten in einer Doku Film- und Fotomaterial sehen, dass in Europa nicht gezeigt, eben chinesisches und japanisches Material. Allerdings schien es uns, dass natürlich Europa der schwarze Peter zugeschoben wurde (nicht ganz zu unrecht, natürlich), aber die Verknüpfung von Tatsachen und der Opferhaltung Chinas, das Japan ausgeliefert war, erschien uns wenig objektiv. Kriegs- und Machtkult spielen eine große Rolle, um das Volk gleichermaßen einzuschüchtern als auch Stolz auf das Land zu vermitteln.

Früh morgens um 6.30h steht aber morgen noch eine Trainingstour mit dem Rad an – auch hier hoffen wir auf ganz leere Straßen. Letzten Sonntag schon gab es kaum Verkehr. Wir freuen uns und berichten bald wieder von hier – aus Beijing 2015. Ich fühle mich in diesen Tagen fast wie ein Reporter 🙂

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So idyllisch wie gestern früh war es selten am Wen Yu – Fluss. Sonst gibt es auch hier Gegenverkehr.

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Absolut Null Autos auf unserer Gongtibeilu! Das gab es noch nie! Links erkennt Ihr unseren Compound mit den gestreiften Gebäuden.

Nach unserer Trainingsradtour blieben wir natürlich zunächst zu hause, um die Parade im chinesischen Fernsehen zu verfolgen. Und wirklich alle Chinesen taten wohl dasselbe. Die Straßen waren ja verlassen, und wir sahen auch die Wanderarbeiter, die direkt unter unserem Fenster wohnen, wie sie sich einen Fernseher organisiert hatten. Hier wurde public viewing im Kleinen praktiziert:

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Wir waren von dem Spektakel beeindruckt: Die Präzision im Auftritt und die Uniformität der Soldaten/Soldatinnen, sowie der Fahr- und Flugzeuge ließen uns staunen (auch wenn Anlass und Aufwand zu kritisieren sind). Die Stadt präsentierte sich in vollem Glanz – das zeigten alle Bilder/Luftaufnahmen. Von unserem Fenster aus konnten wir sogar die Auftritte der Luftwaffe verfolgen (sie Foto unten).

Diese besonderen Tage haben wir natürlich sehr genossen: Arbeiten und Radfahren bei besten Luftwerten in einer z.T. leerfegten Stadt – herrlich! Ab Sonntag wird hier wieder normaler Arbeitsalltag herrschen, und wir werden uns dann auch wieder mit den Menschenmassen arrangieren (müssen).

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Aufnahme aus unserem Fenster: Die Jets flogen über den Platz des Himmlischen Friedens und sprühten farbige Kondensstreifen über Peking.

 

 

 

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