Der Tag, den es nicht gab….

hat mich mal wieder zum Nachdenken ueber das chinesische Regime gebracht. So im Alltag empfinden Stephan und ich, dass wir sehr unbehelligt von chinesischer Politik leben. Klar, vielleicht werden unsere Emails gelesen, unser skype abgehoert – aber vielleicht auch nicht; wir wissen es nicht. Skype funktioniert in China genauso gut wie bei uns, obwohl es auch ein chinesischen Dependant gibt. Facebook ist allerdings gesperrt – die Chinesen nutzen hier aber ihre eigene Variante. WhatsApp ist ebenso, wie in Europa, gaengiges Kommunikationsmittel.

Von der Unterdrueckung der Menschen, Einschraenkung ihrer (Grund-)Rechte erfahren wir meisst nichts, ausser es wird in internationalen Medien berichtet oder Kollegen, die mit Chinesen liiert sind, berichten, was gerade durch die chinesischen Medien geht. Es scheint offener mit politischem Unrecht umgegangen zu werden. Chinesen schreiben Blogs im Internet, veroeffentlichen ihre Meinung, setzen sich fuer sich und andere ein – es wird also laensgt nicht alles zensiert – wohl kaum moeglich, bei all den zur Verfuegung stehenden elektronischen Moeglichkeiten.

Mit dem Tag, den es nicht gab, meine ich das Gemetzel rund um den Platz des Himmlischen Friedens: Vom 3. Auf den 4. Juni 1989 folgte auf wochenlange, friedliche Studentenproteste fuer mehr demokratische Reformen, die auch mit Hungerstreiks unterstuetzt wurden, eine gewaltsame Niederschlagung durch das Militaer. Das Regime liess das Feuer auf die Studenten eroeffnen – dieses Jahr jaehrte sich das Massaker zum 25. Mal, und meine Chinsesichlehrerin sprach mich direkt darauf an.
Ich war sehr ueberrascht, dass sie ein so heikles Thema aufbrachte, denn bis heute ist es nicht erlaubt oeffentlich darueber zu sprechen. Menschen werden verhaftet oder unter Hausarrest gestellt, wenn sie Fragen beantwortet haben wollen. Das Regime hat einen Mantel des Schweigens ueber das Thema geworfen, nie darueber aufgekleart, sich nie bei Opfern entschuldigt – kurz – die Diskussion ist verboten!
Meine Lehrerin ist 30 Jahre alt, war also selbst noch ein Kind an jenem Tag, wohnte ausserdem in der Provinz, wo noch weniger Informationen ankamen, wie sie mir spaeter mitteilte.
Jedenfalls begann sie mich zu fragen, ob ich denn ueber den folgenden Tag (mein Unterricht fand direkt vor dem 25. Gedenktag statt) Bescheid wisse, und sie wollte wissen, was ich wusste. Ich kannte die Tatsachen und ein paar Hintergruende, hatte ein paar Bilder im Kopf, die ich auch sogleich bei spiegelonline (war nicht gesperrt!) abrufen konnte. Sie war erstaunt, dass ich Bilder kannte, denn in China kursiert nur wenig Fotomaterial. Sie nahm an, dass es kaum Bilder gab.
Sie erklarte mir, dass sie ihr groesstes Wissen zu dem Tag von den auslaendischen Studenten habe, die sie in der Uni unterrichtet. In der Schule ist das Massaker ein Tabuthema – selbst mit dem Wort „Massaker“ konnte sich nichts anfangen.
Sie hatte, genauso, wie Stephan und ich, von einer stillen Protestaktion gehoert, die ein Chinese verbreitete. Er forderte auf, am kommenden Tag „schwarz“ zu tragen – im Gedenken an die getoeteten Studenten. Das werde sie auf keinen Fall tun, deutete sie an. Sie habe Angst von der Polizei geschnappt zu werden. Mein Einwand, dass die Polizei sicher nicht gegen alle Menschen, die sich beteiligen wuerden, vorgehen koenne, da es ja zu viele seien, beruhigte sie nicht. Sie wuerde etwas besonders Buntes anziehen, allein, um sich zu schuetzen (die Chinesen tragen wirklich extrem Buntes und Gemustertes!). Ich trug „schwarz“ am folgenden Tag, sah aber auf den Strassen kaum enstprechend gekleidete Menschen. Es schien ein ganz normaler Tag zu sein – wenn man davon absah, dass seit 1-2 Wochen verstaerkte Polizei- und auch Militaerpraesenz in den Strassen unterwegs war. Der Platz des Hmmlischen Friedens war abgeriegelt; nur Touristen durften auf den Platz, auslaendische Reporter wurden z.T. polizeilich festgehalten, als sie vom Jahrestag berichten wollten. Die Chinesche Regierung versuchte mit aller Macht, ein Gedenken zu verhindern.
Meine Lehrerin berichtete mir, welche Massnahmen an den Universitaeten getroffen worden waren:
Bereits zwei Wochen vor dem Gedenktag kam die Anordnung zur Anwesenheitspflicht fuer alle Studenten. Scheinbar wird haeufiger geschwaenzt. Wir hatten schon erfahren, dass die junegen Leute sich wie wild auf den Uni-Aufnahmetest vorbereiten, aber wenn sie dann ein Mal an der Uni aufgenommen sind, bricht das suesse Nichts-Tun aus; viele nehmen sich Auszeiten.
Doch vor dem Gedenktag und natuerlich am Gedenktag selbst mussten alle Studenten in der Uni sein; die Lehrer und Professoren waren angehalten, jeder Fehlzeit akribisch nach zu gehen. Wer verdaechtig erscheint, wuerde zunaechst vom Unisekretariat angerufen oder auch von der Polizei aufgesucht: Studentenansammlungen sollten auf diese Weise verhindert werden. Meine Lehrerin stoehnte ueber volle Klassen – scheinbar war es wirklich unegwoehnlich dass alle ihre Schueler da waren.

Die deutschen Medien hingegen ueberschlugen sich geradezu mit Berichten. Ich las viel nach, und Stephan und ich sahen in den folgenden Tagen etliche Beitraege und Dokumentionen.
Eine davon, ein 45-minuetiger Beitrag auf 3Sat, war besonders interessant, weil es mehrere Originalaufnahmen gab, die den chinesischen O-Ton widergaben, ohne uebersetzt zu sein. Den wollte ich meiner Lehrerin in der Folgewoche zeigen, wenn sie ihn sehen wollte. Und so fieberte ich meinem Unterricht entgegen, denn ich war neugierig auf ihre Reaktion.
Tatsaechlich wollte sie die Doku sehen, nachdem sie kaum glauben konnte, dass in unserem Fernsehen so ausfuehrlich berichtet wurde. Wir sahen die Doku gemeinsam: ich versuchte zu erlaeutern, wo die Berichterstattung auf Deutsch lief. Nicht einfach, aber wir arbeiteten spaeter politisches Vokabular nach 😉
Sie kannte Namen der involvierten Politiker, hatte aber fast keine Bilder von den friedlichen Studenten gesehen, die ja sogar woodstock-aehnliche Konzerte auf dem Platz veranstalteten und westliche Frisuren trugen. Ich hatte den Eindruck , dass sie alle Informationen mit grossem Interesse aufgenommen hat. In ihrer Familie sei nie darueber gesprochen worden – ihre Eltern kannten auch nur das Propagandematerial, das im Fernsehen gezeigt worden war.
Ueber ihre Einschaetzung danach war ich ueberrascht: sie nannte die Studenten naiv; sie hatten sich doch ausrechnen koennen, dass das Regime nicht auf die Forderungen eingehen wuerde!
Innerlich war ich schockiert, hatte ich doch wenigstens etwas Kritik an der Vorgehensweise der Staatsfuerhung erwartet. Sicherlich haette nicht geschossen werden duerfen, urteilte sie, doch die Studenten haetten vorsichtiger vorgehen sollen.
Ich konnte ihr auch kaum die geforderten Inhalte der Studenten verdeutlichen: mehr Einflussnahme, demokratischere Strukturen – das sind fremde Begriffe, die fuer sie nicht mit Inhalt gefuellt sind.
Das heisst, dass die Obrighoerigkeit so tief verwurzelt ist, dass selbst eine junge, gebildete Generation keine anderen freigeistlichen Vorbilder hat. Und das obwohl der westliche Einfluss doch heute stark ist wie nie. Doch die Reflektion ueber diese Inhalte fehlt – sie wird weiterhin nicht gefoerdert. Und mir fehlen an der Stelle (chinesische) Worte; ich stelle fest, urteilen oder gar verurteilen steht mir aber nicht zu!

Hongkong fiel auch an diesem Tag eine Sonderrolle zu: Dort wurde mit Märschen und friedlichen Demos den Opfern gedacht; Hinterbliebene Eltern durften hier trauern! In China durften Mütter und Väter ermordeter Studenten an diesem Tag nicht zum Grab gehen.
Mütter haben sich inzwischen zu einem Verein zusammengeschlossen, der Aufklärung vom Staat erwartet und einfordert. Auf Blogs und Internetseiten zeigen sie sich mit Videobotschaften, wenden sich direkt an die Regierung – diese werden auf Umwegen nach Hongkong geschleust und von dort ins Netz gestellt. Der Widerstand und der Ruf nach Gerechtigkeit ist da und bewundernswert!

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